Invasion der Spielfreude

25. Juli 2013, 17:08
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El Sistema, das Musikprojekt aus Venezuela, gastiert mit Orchestern und Chören bei den Salzburger Festspielen. Sein Gründer, José Antonio Abreu, hält am Freitag die Salzburger Eröffnungsrede

Salzburg - Am Anfang war eine Tiefgarage in Caracas. José Antonio Abreu lud 1975 elf Jugendliche ein zu musizieren, und es sprach sich herum. Am vierten Tag war mit 75 Teilnehmern schon ein üppiges Orchester zusammengekommen. Und wie die Jahre dahingingen, stieg die Teilnehmerzahl eines Phänomens, das sich El Sistema nannte, signifikant: Heute sind es 400.000 Jugendliche, die in 24 Orchestern und 286 Musikschulen in allen Provinzen Venezuelas ausgebildet werden.

International kennt man das Orquesta Sinfónica Simón Bolívar, das staatliche Jugendorchester Venezuelas. Und man kennt es vor allem durch seine Energiekonzerte mit Dirigent Gustavo Dudamel. Selbst ein Produkt von El Sistema, ist Dudamel mittlerweile Chef des Los Angeles Philharmonic und auch international gesuchter Gastdirigent, der seine Bindung an das Projekt allerdings aufrechterhält. Doch El Sistema ist nicht nur ein Klassikhit in Form heiter-energischer Orchestermassen. Es ist ein vom Staat gefördertes musikalisches Sozialprojekt, das Jugendliche aus prekärer Lage herausholt, um nachhaltig positive Gemeinschaftserfahrungen zu ermöglichen.

Nach wie vor leben in Venezuela 75 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter der Armutsgrenze. "Aber", so Abreu, der am Freitag bei den Salzburger Festspielen die Eröffnungsrede halten wird, "durch die Musik sind sie nicht mehr ausgeschlossen aus dem gesellschaftlichen Leben, das sich in den Dörfern Venezuelas immer mehr um unsere Orchester dreht. El Sistema stellt gratis Instrumente zur Verfügung und vermittelt eine Vielzahl von verschiedenen Stipendien. Entscheidend aber ist die Charakterbildung für die jungen Menschen - durch Musik."

Nach Salzburg kommt der El-Sistema-Gründer (Jahrgang 1939) mit 1400 venezolanischen Jugendlichen, die sich in vier Orchestern und zwei Chören der Öffentlichkeit präsentieren werden. Neben dem Orquesta Sinfónica Simón Bolívar ist etwa das Orquesta Sinfónica Nacional Infantil mit seinen elf- bis 14-jährigen Teilnehmern zu erleben, wie es mit Dirigent Simon Rattle Mahlers Erste Symphonie umsetzt. Es geht um Spielfreude, es geht um Ausbruch aus schwierigen Verhältnissen. Das heißt jedoch nicht, dass durch El Sistema keine Profikarrieren entstehen können. Neben Dudamel gibt es denn auch andere internationale Geschichten; etwa jene von Edicson Ruiz.

Er wurde einst von einem Nachbarn in eine Musikschule gebracht, seine Mutter hätte sich ob des gewalttätigen Verhaltens des Sohnes Sorgen gemacht. Ruiz ist mittlerweile Kontrabassist bei den Berliner Philharmonikern.   (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 26.7.2013)

Festspiele der gastierenden Klangmassen

Salzburg - Gustav Mahler mochte den Beinamen für seine achte Symphonie nicht besonders - aber "Symphonie der Tausend" war im großen Festspielhaus nur knapp daneben: Dirigent Gustavo Dudamel und das Simón Bolívar Symphony Orchestra of Venezuela eröffneten mit der Achten effektvoll die Reihe "El Sistema", die einige Jugendorchester, Chöre und junge Dirigenten aus Venezuela zu den Festspielen bringt.

Eine Muse muss bei diesem Konzert auch dabei gewesen sein: Man hat zwar - außer einigen Wortfetzen im Tenorsolopart von Klaus Florian Vogt - kein Wort verstanden. Dennoch war es nicht nur Krawall. Im Gegenteil: Gustavo Dudamel und seine Massen boten immer wieder erstaunlich transparentes Musizieren. Sie schufen auch Luft und Raum für Instrumentalsoli und Solokantilenen. Und: Dudamel hat die Klangblöcke und Klangmassen nicht nur aufgehäuft, sondern mit Umsicht geschichtet.

Und das, obwohl das Aufgebot gewaltig war: Es sangen neben dem Bolívar National Youth Choir of Venezuela auch die Chorsänger von Superar, jene der Salzburger Festspiele, zudem der Theater-Kinderchor und der Wiener Singverein. Auch eine luxuriös besetzte Solistengruppe war zugegen - mit Emily Magee, Juliane Banse und Anna Prohaska, mit Yvonne Naef und Birgit Remmert sowie Detlef Roth und Kurt Rydl. Im Rang waren zudem auch weitere Blechbläser postiert worden.    (Heidemarie Klabacher, DER STANDARD, 26.7.2013)

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    Erfolg durch charmante Energie: Dirigent Gustavo Dudamel, mittlerweile internationaler Stardirigent und Vorzeigekünstler von El Sistema.

    TV-Übertragung der Festspieleröffnung mit der Rede von José Antonio Abreu am 26.7. ab 11 Uhr in ORF 2 und 3sat.

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