Rolando Villazón: "Er ist nur Blut, Blut, Blut und Sex, Sex, Sex"

Interview25. Juli 2013, 17:25
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"Lucio Silla" ist am Samstag die zweite Opernpremiere dieser Festspiele - Der Startenor über Unterhaltung und Kunst, über Regiekonzepte, Gott und Clowns

STANDARD: Ich habe Sie in der Probenpause beobachtet, wie Sie einer Kollegin Szenen erklären. Ging es da um "Lucio Silla"?

Villazón: Wir haben über eine Oper gesprochen, die ich in Baden-Baden inszenieren werde. Welche, kann ich nicht verraten.

STANDARD: Gehen Sie, wenn Sie inszenieren, mit Ihren Erfahrungen als Sänger mit Sängern anders um?

Villazón: Das müssten andere beantworten. Ich inszeniere so, wie ich Musik lerne: Zuerst Noten und Text, dann erst kommen Farbe, Gefühle, die dritte Dimension in die Musik. Anfangs habe ich beim Inszenieren einen genauen Plan, fast wie eine Choreografie, erst dann bringen Sänger ihre Ideen ein. Die Arbeit des Regisseurs ist dann, zu sagen, welche Ideen man verwirklichen kann, welche nicht. Gute Regisseure kommen mit einem ganz klaren Konzept, wissen in jedem Augenblick, was wir Sänger machen sollen. Erst dann ist es für den Sänger überhaupt möglich, das Konzept anzureichern.

STANDARD:  Passiert es, dass Sie ganz anderer Meinung sind als ein Regisseur?

Villazón: Nein. Aber manchmal dachte ich, der Regisseur könnte vorbereiteter sein. Da hat man eine Oper dreißigmal gesungen, und dann kommt ein Regisseur, vielleicht vom Theater, und will in der Oper alles neu erfinden. Das geht nicht. Wenn ein Regisseur einem Sänger sagt "Mach etwas", dann wird er das machen, was er immer macht: traditionelle Bewegungen. Normalerweise komme ich ganz leer und offen in die Probe, ich sehe mich als Instrument der Regisseure, selbst wenn ich ihrem Konzept kritisch gegenüberstehen sollte.

STANDARD:  Ist das immer einfach?

Villazón: Nein. Aber was sind diese Schwierigkeiten schon verglichen zu all den großen Problemen in der Welt. Diese Schwierigkeiten nehme ich gern auf mich.

STANDARD: Wie sehr sind Sie in Ihrer Arbeit von Kritikern und Publikum beeinflusst?

Villazón: Kunst ist subjektiv, jeder hat eine Meinung. Aber ich denke, es ist nicht wichtig, eine Meinung zu haben, sondern Antworten. Deshalb brauchen wir Künstler Kritiker. Es gibt viele Blogs, jeder kann alles sagen, jeder hat eine CD zu Hause und glaubt zu wissen, warum ein Sänger so oder so singen soll. Aber ein Kritiker weiß, warum etwas ist, wie es ist, er kann erklären, warum etwas für ihn nicht - oder doch - gut war.

STANDARD: Wie ist es nun bei "Lucio Silla", wo die Kritiken im Jänner bei der Mozartwoche gemischt waren: Hat sich die Inszenierung verändert?

Villazón: Marshall Pynkoski macht eine wunderbare Regie, eine großartige Choreografie, fast wie eine Arbeit mit Tänzern. Die Pause hat uns gutgetan, wir gehen einen guten Weg. Mein Silla wird ein bisschen verrückter, extremer.

STANDARD: Was ist an Lucio Silla so faszinierend? Seine Lernfähigkeit?

Villazón: Lucio Silla ist ein Borderliner, ein böser Mann, der Liebe will, aber ohne Zärtlichkeit. Er will alles haben, er ist nur Blut, Blut, Blut, Blut und Sex, Sex, Sex, Sex. Ein Nein einer Frau kann er nicht akzeptieren. Interessant in dieser Produktion ist, dass Mozart die letzte Arie ja gar nicht geschrieben hat. Erst, weil wir die Schlussarie von Johann Christian Bach nehmen, wird die Rolle verständlich.

STANDARD:  Warum haben Sie eigentlich aus der Fülle Ihrer Talente - Tanz, Schauspiel, Zeichnen, Malen - ausgerechnet Singen zum Beruf gemacht?

Villazón: War Zufall. Ich hoffte, echte Gefühle erspüren, wecken, Brücken zu anderen bauen zu können - Musik ist eine universelle Sprache. Ich arbeite aber auch als Clown. Als Dr. Rollo werde ich mit den Roten Nasen in Salzburg das Krankenhaus besuchen, das mache ich auch in Wien.

STANDARD:  Und Sie haben auch einen Roman geschrieben. Worum geht es da?

Villazón: Malabares wird nächstes Jahr auf Deutsch erscheinen, es geht um einen Clown, um Philosophie, um Quantenphysik - kurz: darum, universelle Antworten durch den Archetypus des Clowns zu finden. Der Clown ist eine philosophische Figur, die versucht, die Welt anders zu sehen. Und wir lachen, weil wir uns wie in einem Zerrspiegel selber erkennen. Der Clown befreit uns von der Sklaverei unserer Seriosität; von dem, was wir glauben, in den Augen anderer darstellen zu müssen. Die Clowns in meinem Roman versuchen, auf die wesentlichen Fragen Antworten zu finden: Ist es wichtig, Ziele zu haben - oder nicht? Ist es wichtig, berühmt zu sein - oder nicht? Gibt es Gott - oder nicht?

STANDARD: Und was glauben Sie, gibt es Gott - oder nicht?

Villazón: Schwierige Frage. Gott als Energie, als Seele: Ja, daran glaube ich. Gott mit langem Bart, der nach dem Tod auf uns wartet: Nein. Kann man zu Gott direkt sprechen? Ich denke, nein. Kann man mit Gott durch uns Menschen sprechen: Ich denke, ja: durch Menschen aller Hautfarben und Konfessionen.

STANDARD: Erachten Sie Ihr Talent als Geschenk Gottes?

Villazón: Warum sollte Gott es mir schenken und nicht Ihnen? Wir sind Teil des Entertainments. Menschen meinen, Fernsehen sei Unterhaltung, Mozart Kunst. Für mich ist beides Kunst und Entertainment. Vor allem Künstler beharren auf die Unterscheidung, weil es uns besonders macht. Aber nehmen Sie Groucho Marx und Bertrand Russell - Russell war einer der größten Philosophen und gleichzeitig ein großartiger Clown. Erst wenn wir beides, Apollo und Dionysos, umarmen, ist unser Leben vollständig.

STANDARD: Apropos Fernsehen: Ein Kritiker hat "Lucio Silla" eine Seifenoper des 18. Jahrhunderts genannt. Stimmen Sie zu?

Villazón: (lacht) Opera ist generell eine Soap Opera. Bei beiden geht es um Verwicklungen und Eifersucht, Tod, Leben, Liebe. Wir machen heute nichts neu, alles wurde schon geschrieben, auf der Bühne gezeigt. Tod und Leben: Das sind die Beine unserer Kunst und all dessen, was wir sind.        (Andrea Schurian, DER STANDARD, 26.7.2013)

Rolando Villazón (41) Der mexikanisch-französische Tenor feierte in Salzburg in "La traviata" an der Seite Anna Netrebkos einen triumphalen Erfolg. Seit 2006 musste er seine Karriere aus gesundheitlichen Gründen immer wieder unterbrechen.

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    Clown als Lebensphilosophie: Rolando Villazón als Dr. Rollo.

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