MEMRI - ein Thinktank mit rechter Optik

Hintergrund26. Juli 2013, 05:30
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Das Video über eine Kinderheirat im Jemen hat ein US-Institut übersetzt, dem einseitige Berichterstattung über die arabische Welt vorgeworfen wird

Es ist ein Aufreger, zweifellos. Wenn das elfjährige jemenitische Mädchen Nada al-Ahdal von der Flucht vor ihrer geplanten Zwangsheirat erzählt, dann schäumen die Gemüter der bislang rund 7,5 Millionen User, die sich das Video auf Youtube angesehen haben (Stand 25. Juli). Dass diesem Clip überhaupt soviel Resonanz widerfährt, ist dem Middle East Media Research Institute (MEMRI) zu verdanken, das das Video ins Englische übersetzt und in Umlauf gebracht hat.

Unabhängig davon, dass der Wahrheitsgehalt des Videos nur schwer überprüft werden kann, hat MEMRI damit eine notwendige Diskussion über das Thema Zwangsheirat angestoßen. In anderen Fällen hingegen wurde die Arbeit des US-Thinktanks stark kritisiert. Selektive Berichterstattung werde vorgenommen, heißt es, auch Zitate verfälscht, um die arabische Welt so schlecht wie möglich dastehen zu lassen. Dazu passt es ins Bild der Kritiker, dass MEMRI von israelischen und US-amerikanischen Rechtskonservativen geführt bzw. finanziert wird.

Eigendefinition: Unabhängig, unparteiisch, gemeinnützig

Im Jahr 1998 gegründet, definiert sich MEMRI als unabhängige, unparteiische und gemeinnützige Organisation, die die sprachliche Kluft zwischen dem Nahen Osten und dem Westen überbrücken will. Konkreter ausgedrückt: Der Thinktank übersetzt Texte und Videos aus dem Arabischen und Persischen in die englische, die französische oder auch die hebräische Sprache. Dieser Service soll vor allem Politikern, Wissenschaftlern und Journalisten als Informationsquelle dienen, doch sind die Übersetzungen via MEMRI-Homepage auch für den gewöhnlichen User zugänglich.

15 Jahre besteht die Organisation mit Hauptsitz in Washington DC und zahlreichen weiteren Büros auf der ganzen Welt also schon. Die Geschichte über die Kritik an MEMRI ist nur unwesentlich kürzer. Verantwortlich dafür ist zum einen der Führungsstab des Thinktanks. Gegründet wurde MEMRI von Yigal Carmon und Meyrav Wurmser. Carmon war zuvor 22 Jahre lang beim israelischen Geheimdienst tätig und fungierte danach noch als Anti-Terror-Berater für zwei israelische Ministerpräsidenten. Wurmser ist eine israelischstämmige Wissenschaftlerin und schied 2001 aus MEMRI aus. Seitdem berät sie diverse rechtskonservative Thinktanks in den USA. Außerdem ist sie mit David Wurmser verheiratet, ehemaliger Nahost-Berater von George W. Bushs Vizepräsident Dick Cheney.

Neocons im MEMRI-Beirat

Das innige Verhältnis zwischen MEMRI und den US-Neokonservativen, die die harte außenpolitische Haltung George W. Bushs geprägt haben, zeigt sich auch im Beirat des Thinktanks. Mitglieder sind unter anderem Bushs Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der ehemalige Zivilverwalter für den Irak, Paul Bremer, oder der ehemalige CIA- und NSA-Chef Michael Hayden.

Paul Bremer (links) und Donald Rumsfeld, Teil des MEMRI-Beirats. (Foto: Reuters/Aladin Abdel Naby)

Allein diese Namen sorgen schon dafür, dass MEMRI oft nicht als unabhängige Organisation, sondern vielmehr als Propagandaorgan rechtskonservativer Strömungen in Israel und den USA wahrgenommen wird. Dass mit dem tunesischen Intellektuellen Lafif Lakhdar, dem ägyptischen Menschenrechtsaktivisten Magdi Khalil oder dem iranischen Journalisten Faraj Sarkohi auch Stimmen der arabischen Welt im Beirat vertreten sind, wird dabei gerne mal übersehen.

Die Vorwürfe werden verstärkt durch die Finanzierung des Thinktanks. Als NGO mit mehr als 80 Mitarbeitern ist MEMRI auf Spenden angewiesen. Und die kommen zu einem Großteil von rechtskonservativen Stiftungen wie der Irving I. Moskowitz Foundation, der Bradley Foundation oder der Adelson Family Foundation, die hunderttausende US-Dollar zur Verfügung stellten. Am spendabelsten zeigt sich die Newton D. & Rochelle F. Becker Foundation, die bekannt dafür ist, islamophobe Gruppierungen mit Geldern in Millionenhöhe zu unterstützen.

Changed in Translation

Dies alles, Führungsstab und Finanzierung, würde aber vermutlich eine kleinere Rolle spielen, wenn MEMRI ihrer Eigendefinition gerecht werden würde. Doch finden Kritiker immer wieder Beispiele, um die Objektivität des Thinktanks anzuzweifeln. Der Generalverdacht gegen MEMRI: Es werden ausschließlich die allerschlimmsten Episoden aus dem arabischen Raum übersetzt, die die Rückständigkeit von Arabern oder ihren unbändigen Antisemitismus belegen sollen.

Sollte dies mal nicht der Fall sein, so werden gerne mal Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen und verkürzt dargestellt. Oder es wird bei der Übersetzung nachgeholfen. Ein Beispiel: 2007 übersetzte MEMRI Teile eines palästinensischen Fernsehprogramms. Laut MEMRI sagte einer der Sprecher: "Wir werden die Juden ausrotten." CNN beauftragte in der Folge mehrere arabische Dolmetscher, die zu einem anderen Ergebnis kamen: "Die Juden bringen uns um."

Judentum statt Zionismus

Eine weitere Episode: 2006 veröffentlichte Halim Barakat, Professor an der Georgetown Universität, einen Artikel mit dem Titel: "Das wilde Biest, das der Zionismus erschaffen hat: Selbstzerstörung". Nach der Überarbeitung durch MEMRI hieß es: "Juden haben ihre Humanität verloren". In weiterer Folge wurde im Text das Wort "Zionismus" durch "Juden" oder "Judentum" ersetzt, beklagte sich der Autor selbst. 

MEMRI hat zu all diesen Vorwürfen schon oft Stellung genommen und ihre Vorgangsweise verteidigt. Zu den umstrittenen Übersetzungen meinte es zum Beispiel: "Wir haben nie behauptet, dass wir die Sicht der arabischen Medien widerspiegeln. Wir wollen durch unsere Übersetzungen weitverbreitete Trends und Themen aufzeigen."

Polemischer E-Mail-Verkehr

Die wohl brisanteste Diskussion um MEMRI fand im Jahr 2003 zwischen MEMRI-Gründer Yigal Carmon und "Guardian"-Journalist Brian Whitaker statt. Dieser kritisierte die Arbeit des Thinktanks als einseitig und manipulativ. In der Folge fand ein teilweise recht polemisch geführter E-Mail-Verkehr zwischen Whitaker ("Mein Problem ist, dass MEMRI sich als Forschungsinstitut ausgibt, obwohl es ein Propagandabetrieb ist") und Carmon ("Wenn Sie ein Problem damit haben, dass ich Jude bin, dann sagen Sie es doch") statt, der von der britischen Zeitung auch veröffentlicht wurde. Der Schriftverkehr endete wenig überraschend ohne Konsens. Auf der einen Seite die umstrittene Arbeit, auf der anderen Seite die Kritik. Und so ist es auch zehn Jahre später noch. (Kim Son Hoang, derStandard.at, 26.7.2013)

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