Digitaler Sprachvermittler erleichtert Vokabellernen

28. Juli 2013, 18:04
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Linzer Forscher: Versuchspersonen erlernten Kunstsprache-Wörter von digitalem Trainer gleich gut wie von menschlichem Lehrer

Linz - Elektronische Sprachtrainer können einen entscheidenden Einfluss auf den Lernerfolg haben, wie Forscher aus Linz und Deutschland nun nachweisen konnten. Die Wissenschafter fanden heraus, dass Studienteilnehmer Wörter einer Kunstsprache mit Hilfe eines sogenannten "Sociable Agents" ebenso gut erlernten wie von einem Video mit einem menschlichen Sprachentrainer. Besonders gute Schüler taten sich sogar mit dem digitalen Lehrer leichter. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass solche Ansätze etwa beim Vokabellernen oder in der Sprachrehabilitation nach einem Schlaganfall sinnvoll eingesetzt werden könnten, heißt es seitens der Universität Linz.

Als künstlichen Sprachvermittler haben die Wissenschafter die Computerfigur "Billie" entwickelt, der einem Teenager nachempfunden ist. "Er sieht aus wie ein etwa 14-jähriger Junge mit Sommersprossen, der sehr sympathisch wirkt - zumindest auf mich", erklärte Manuela Macedonia vom Institut für Wirtschaftsinformatik der Uni Linz.

"Billie" vermittelt die Kunstwörter verbal und mittels Gesten, die deren Bedeutungen illustrieren. Bereits in früheren Studien hatte Macedonia herausgefunden, dass sich mit zu den Wörtern passenden Bewegungen die Vokabeln leichter erlernen lassen und dadurch auch das Vergessen verzögert wird. Das Wort beschäftigt so nämlich nicht nur die hauptsächlich für Sprache zuständigen Hirnregionen, sondern auch motorische und visuelle Bereiche.

Nun ging es der Neurowissenschafterin in Kooperation mit Kollegen von der Universität Bielefeld darum herauszufinden, wie gut Personen von einem "Sociable Agent" beim Vokabellernen unterstützt werden können. Sie ließen also den Agent gegen eine reale Person in einem Video antreten. Dass beide Versuchsgruppen tatsächlich gleich gut abschnitten und besonders gute Schüler mit "Billie" offenbar sogar besser zurecht kamen, überraschte die Forscher. "Ich habe eigentlich fest damit gerechnet, dass man mit Menschen besser lernt", so Macedonia. Es scheint aber, als ob der Agent die "biologischen Faktoren, die man braucht, damit eine Gestalt als menschlich erlebt wird", großteils erfüllt.

"Bizarreness" als Ursache für "Billies" Erfolg

Trotz der Vorteile, die seine menschenähnlichen Attribute mit sich bringen, seien auch völlig andere Erklärungen für "Billies" Erfolg denkbar. Es könnte etwa sein, dass er durch seine Seltsamkeit und Neuheit - die Forscher verwenden den Begriff "Bizarreness" - auf die Versuchspersonen sympathischer wirkt. Macedonia: "Die Bewegungen, die der Agent ausführt, sind ein wenig zackiger als die menschlichen. Von daher könnte man auf diese 'Bizarreness' schließen."

Worin die Vorteile der Computerfigur tatsächlich begründet sind, wollen die Forscher in weiteren Vergleichsuntersuchungen herausfinden. Dabei soll auch der menschliche Sprachvermittler dem Digitalen zukünftig viel ähnlicher sehen. Ob Lernende, die den Umgang mit solchen Computerfiguren gewöhnt sind, und Menschen, die damit keine Erfahrungen haben, anders auf die neue Lernsituation reagieren, gelte es ebenfalls zu untersuchen.

Klar sei jedenfalls, dass Sociable Agents menschliche Sprachvermittler nicht vollständig ersetzen können. Beim Lernen von Vokabeln, im Aussprachetraining oder beim Erlernen einfacher Kommunikation könnten sie aber durchaus hilfreich sein. Die Vorteile beschreibt Macedonia in der Aussendung so: "Der Agent ist immer da, geduldig und freundlich. Wenn wir Fehler machen, weiß er, was jeder einzelne noch nicht weiß und motiviert uns zum Üben, wenn uns gar nicht danach wäre." Auch in der Sprachrehabilitation bei Patienten, die aufgrund eines Schlaganfalls unter Sprachstörungen leiden, könnten die virtuellen Sprachtrainer sinnvoll und vor allem flexibel auf die speziellen Bedürfnisse abgestimmt, eingesetzt werden. (APA/red, derStandard.at, 28.07.2013)

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