Andreas Rudigier: "Ein modernes Museum muss den Menschen sehen"

Interview24. Juli 2013, 17:47
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Der Direktor des neuen Vorarlberg Museums über den Inhalt des weißen Hauses und den Streit mit Vorgänger Tobias Natter

STANDARD: Warum heißt Ihr Museum nicht mehr Vorarlberger Landesmuseum?

Rudigier: Diese Entscheidung ist vor meiner Zeit gefallen. Sie wurde von Stephan Sagmeister, der das neue Erscheinungsbild gestaltet hat, forciert. Er hat gemeint, Vorarlberg Museum würde international besser verstanden.

STANDARD: Was muss ein modernes Landesmuseum noch können?

Rudigier: Es sollte mit Menschen können. Die Crux traditioneller Landes- und Regionalmuseen ist, dass sie stark objektorientiert sind und damit den breiten Bezug zum Publikum nicht finden. Ein Objekt allein kann nicht erzählen, es braucht die Vermittlung. Ich glaube, dass ein modernes Museum den Menschen sehen muss. Als Mensch, der Objekte erschaffen, besessen hat, und als Mensch, der mit den Objekten umgeht.

STANDARD: Es fehlen ja auch die interessanten Objekte in Vorarlberg.

Rudigier: Man hat 150 Jahre einfach alles gezeigt, was man hat. Allerdings ist die Sammlung eine sehr zufällige und nicht repräsentativ für das Land. Die Menschen sind nun vom neuen Museum überrascht. Sie finden Formate, mit denen sie nicht gerechnet haben, die nicht typisch sind für ein Landesmuseum.

STANDARD: Was ist denn typisch für ein Landesmuseum?

Rudigier: Das Sammeln nach Zufallsprinzip. Dadurch, dass alle Landesmuseen im 19. Jahrhundert begonnen haben, sind sich alle ähnlich. Sie haben die Schwerpunkte Archäologie und Mittelalter, das war der Trend im 19. Jahrhundert. Bei uns war ja auch die Diskussion, wir müssen Altäre zeigen, wir müssen Angelika Kauffmann zeigen.

STANDARD: Kauffmann gibt es nur im Schaudepot.

Rudigier: Wir haben Kauffmann nicht entsorgt, sie ist in der Grafik präsent. Wir unterstützen ein Forschungsprojekt, und wir kooperieren mit dem Kauffmann-Museum in Schwarzenberg.

STANDARD: Die Idee zum Schaudepot stammt noch von ihrem Vorgänger Tobias Natter. Er sieht sich nun in seinen Urheberrechten verletzt, will Sie klagen.

Rudigier: Beim Hearing mussten sich alle Bewerber zum Konzept von Tobias Natter äußern. Das Konzept hat als solches aber nie existiert. Es war eine allgemein gehaltene Ideenskizze, wie man ein Museum grundsätzlich machen kann. Ich hab das Papier mit dem Tag, an dem ich hier begonnen habe, nicht mehr angeschaut.

STANDARD: Werden Sie Tobias Natter nun vor Gericht treffen?

Rudigier: Gut möglich. Es wäre zweifellos spannend, die Frage nach der Urheberschaft von musealen Inhalten zu prüfen. Und welche Rolle in den Entwicklungsprozessen, an denen ja zahlreiche Mitarbeiter beteiligt sind, einem Direktor zukommt. Ob die Entscheidungskompetenz allein für die Urheberschaft reicht.

STANDARD: Das Vorarlberg Museum bietet fünf unterschiedliche Ausstellungen. Quasi für jeden etwas?

Rudigier: Wir wollen keine klassische Chronologie von der Ur- und Frühgeschichte bis zur zeitgenössischen Kunst machen. Das ist abgelutscht. Ich wollte auch keine einheitliche Ausstellungsarchitektur, denn Vorarlberg ist auch nicht aus einem Guss. So haben wir mit verschiedenen Teams gearbeitet. Das Grundprinzip ist die Dekonstruktion. Deshalb haben wir das alte Vorarlberg-Relief in Teile zerlegt - Vorarlberg quasi auseinandergenommen. Wir sagen nicht, das ist eine Einheit, die war so und wird so immer sein.

STANDARD: "Vorarlberg - ein Making of", die zeitgeschichtliche Ausstellung, ist ein Sammelsurium. Finden Sie das gelungen?

Rudigier: Von gelungen kann man noch nicht sprechen, weil es noch nicht fertig ist. Es ist am Gelingen. Sammelsurium ist letztlich ein guter Begriff. Die Ausstellung ist laborartig. Schon in der Entstehung begann eine Diskussion, die fast den Eröffnungstermin gekippt hätte. Das, was wir nachher machen wollten, den Wechsel der Objekte und Themen, hatten wir schon in den Tagen vor der Eröffnung. Ich habe dann gesagt: "Jetzt lasst das einmal stehen und lasst die Diskussion zu." Es wäre fatal, alles perfekt machen zu wollen.

STANDARD: Wird das Museum eine Bühne für diesen Diskurs bieten?

Rudigier: Ja, daran werden wir auch gemessen werden. Diese Ausstellung fordert. Das Museum zum Flanieren, diese Philosophie haben wir nicht. Vor allem nicht, wenn es um die Geschichte und Gegenwart Vorarlbergs geht.

STANDARD: Ein zweites Experiment ist die Hörausstellung, Menschen erzählen aus ihrem Leben. Kommen die Besucher damit zurecht?

Rudigier: Die Reaktionen auf den vierten Stock sind stark, die Hörausstellung irritiert, weil alles anders ist. Man geht in einer Hörschleife, hört unterschiedliche Stimmen zu verschiedenen Themen. Ob die Menschen sich wirklich Zeit nehmen und länger zuhören, weiß ich noch nicht. (Jutta Berger, DER STANDARD, 25.7.2013)

Andreas Rudigier (48) studierte Jus und Kunstgeschichte. Er leitet seit 2011 das Vorarlberg Museum in Bregenz.

  • Andreas Rudigier dekonstruiert im neuen Vorarlberg Museum das traditionelle Geschichtsbild. Das weiße Haus kommt an, in den ersten drei Wochen wurden 20.000 Besucher gezählt.
    foto: stiplovsek

    Andreas Rudigier dekonstruiert im neuen Vorarlberg Museum das traditionelle Geschichtsbild. Das weiße Haus kommt an, in den ersten drei Wochen wurden 20.000 Besucher gezählt.

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