Wir sind nicht alle Trayvon Martin

25. Juli 2013, 07:00
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"Check deine Privilegien" soll als antirassistische Strategie wirken und weißen Menschen bewusst machen, wie sehr sie ihr Weißsein begünstigt - auch in Europa

Mit der grauen Kapuze auf dem Kopf sehen die Demonstrierenden alle ein bisschen wie er aus: Trayvon Martin, der im Februar 2012 in Florida von George Zimmerman erschossen wurde. Seit dem Freispruch des Nachbarschaftswächters Zimmerman Mitte Juli gibt es amerikaweit Proteste. Trayvon Martin war schwarz, die Jury fast ausschließlich weiß, noch komplizierter macht es, dass Zimmerman einen multiethischen Hintergrund hat. Mit Kapuzenjacke, wie sie Martin in der Nacht seines Todes trug, oder mit "We Are All Trayvon"-Plakaten gehen tausende Menschen auf die Straßen.

"Schwarz" und "weiß" - wie schwer diese Kategorien in den USA noch immer wiegen, wurde durch dieses Gerichtsurteil einmal mehr offensichtlich. Sie prägen die Erfahrungen aller Menschen, wenngleich in völlig unterschiedlicher Weise. Was es bedeutet, schwarz zu sein, und welche Diskriminierungen damit einhergehen, ist in antirassistischen Diskursen eine zentrale Frage. Doch welche Privilegien und Selbstverständlichkeiten Weißsein mit sich bringt, blieb weitgehend außen vor.    

Perspektivenwechsel

In den USA forcierte die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison den Fokus auf Weißsein als Normalität und auf Privilegien, die Menschen qua ihrer weißen Hautfarbe haben. Ihr 1992 erschienenes  Buch "Im Dunkeln spielen. Weiße Kultur und literarische Imagination" gilt als Schlüsselwerk der sogenannten Critical Whiteness. Während davor in Debatten um Rassismus stets die Benachteiligten in den Blick genommen wurden und so wieder zu den "Anderen" wurden, sollte die unsichtbare weiße Norm kritisch betrachtet werden, so die Idee von Critical Whiteness. Diese Blickumkehr soll Neues im Kampf gegen Rassismus ermöglichen. Etwa dass sich weiße Menschen fragen, welchen Nutzen sie aus ihrem vermeintlich neutralen Status ziehen und ob sie zugunsten dieses Nutzens selbst daran mitarbeiten, ihren Status als Norm zu verteidigen.

"Es geht darum, zu erkennen, dass von Rassismus alle betroffen sind - auch Weiße", skizziert Susan Arndt, Mitherausgeberin des Buches "Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland" gegenüber dieStandard.at das Konzept. Arndt datiert die Ankunft der Critical Whiteness an Europas Unis und Forschungsarbeiten um die Jahrtausendwende. Beispiele dafür, wie Weißsein als Norm durchgesetzt wird, würden etwa Medien laufend liefern: Wenn in einem Bericht nichts Gegenteiliges stehe, seien weiße Menschen gemeint. Sei jedoch Herkunft  Thema, bedeute das, es handelt sich um eine Person of Colour – jemand, der aus der weißen Perspektive heraus als nicht weiß gilt.      

Rassismus in Europa 

Seit Anfang des Jahres ist Critical Whiteness in den europäischen klassischen und sozialen Medien angekommen. "Check your privilege! Whatever that means", betitelte der "Guardian" einen Artikel, der Critical Whiteness dahingehend kritisch beäugte, dass die "gut gemeinte Phrase" womöglich jegliche Diskussion im Keim ersticke und zensuriere. Die Bloggerin und Autorin Louise Mensch kritisierte in einem anderen Arikel vor allem, dass sich immer mehr Feministinnen der Critical Whiteness verpflichtet fühlten, die für sie eine "Besessenheit von Wörtern und Kategorien" ausdrückt. Der Fokus auf sich selbst sei ein völlig unpolitischer, kritisieren andere. Und dass Erfahrungen noch lange keine politische Haltung nach sich ziehen, müssten gerade Feministinnen am besten wissen. Moralisierend, zu radikal, ein rein akademischer Diskurs, und schließlich: Critical Whiteness  sei in den europäischen Kontext nur schwer zu übersetzen.

Die Kulturwissenschaftlerin Katharina Röggla hat eines der raren deutschsprachigen Bücher zum Thema geschrieben und kann manche Bedenken nachvollziehen. "In den USA passiert Rassismus viel stärker entlang der Hautfarbe", sagt Röggla gegenüber dieStandard.at. In Europa hingegen fließe bei rassistischer Diskriminierung die Frage nach Herkunft oder Migrationsgeschichte, dem soziale Status, Religion oder der Bildungshintergrund stärker ein.

Politische Strategien lächerlich machen

Neue Ideen für antirassistische Praktiken wie die Critical Whiteness werden aber nicht nur von Medien skeptisch rezipiert. Auch politische AktivistInnen wie die Mitglieder des Netzwerks kritische Migrations- und Grenzregimeforschung (Krinet) beanstanden in dem Magazin "an.schläge" "quälend lange Selbstpositionierungen". In manchen Diskussionsrunden gehöre es etwa zum guten Ton, dass alle SprecherInnen ihrem Redebeitrag Informationen über Aufenthaltsstatus, Einkommensverhältnisse, sexuelle Orientierung oder eben auch "Hautfarbe" voranstellen. Das lenke zu viel Augenmerk auf die einzelnen Personen statt auf politische Standpunkte und rassistische Strukturen.

Auch für Röggla reicht der alleinige Fokus auf die eigenen Privilegien nicht aus. "Critical Whiteness muss immer in bestehendes antirassistisches Engagement eingebettet werden." Trotzdem ist ihr unbehaglich, wenn auf diese Versuche der Selbstpositionierung allzu streng oder mit Häme reagiert werde. "Wir reden von ein paar wenigen Leuten, die versuchen, etwas besser zu machen und reflektiert mit der eigenen Position umzugehen. Es ist leicht, diese Anstrengungen lächerlich zu machen. Aber die Intention dahinter ist wichtig, nämlich die Blindheit gegenüber den angeborenen Privilegien zu verlieren."

Es geht nicht um Wissen

Julia Lemmle erarbeitet in Berlin mit Workshop-TeilnehmerInnen Möglichkeiten, wie diese Blindheit abgelegt werden könnte. Sie ist politische Aktivistin bei der antirassistischen Plattform "Bühnenwatch" und kann weder den Vorwurf der Radikalität nachvollziehen, noch, dass es sich um eine rein akademische Angelegenheit handle. "Es geht schlicht um Empathie und darum, die Perspektive und das Expertenwissen Schwarzer Menschen und von People of Color anzuerkennen", so Lemmle. Die kolonialgeschichtliche Verantwortung einzelner Länder - das könne man sich zum Beispiel schnell aneignen. "Aber Rassismus, wie auch Sexismus, ist kognitiv nicht so schnell aufzulösen, weil diese Strukturen emotional tief verankert sind." Dass das eigene Weißsein noch nie eine Rolle gespielt hat, darüber würden sich die meisten erst bewusst werden, wenn sie gefragt werden, wann das in ihrer Biografie eine Rolle gespielt hätte. "Ja, nie!", fällt den meisten dann ein.

Doch inwieweit können solche Selbsterkenntnisse an den institutionellen und gesellschaftlichen Verhältnissen, die Rassismus stabilisieren, tatsächlich etwas ändern? Wohin führt dieser doch sehr psychologische und auf das einzelne Subjekt gerichtete Blick auf das Weißsein? Das könne zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantwortet werden, schreibt Röggla in ihrem Buch. Susan Arndt sieht diese Phase des Bewusstwerdens über Privilegien und deren negative Konsequenzen als einen ersten Schritt. Was danach komme, sei tatsächlich offen, so Arndt. "Wenn wir es schaffen, Rassismus als Struktur zu verstehen, der sich auch die Einzelnen nicht einfach entziehen können, dann ist schon viel geschafft."

Wie solidarisch gegen Rassismus arbeiten?

Julia Lemmle kann Einsprüche wie "zu viel des Guten" daher nicht verstehen. "Es gibt so viele strukturelle Beweise für Rassismus, so viel Leid", da sei es nicht zu viel verlangt, dass man sich überlege, ob und wie man anderen schade und, vor allem, wie man als weiße Person wirklich solidarisch gegen Rassismus arbeiten könne. 

Abgesehen von bewusstseinsbildenden Ansätzen geht es der Critical Whiteness aber auch um Wissen. Dass Weißsein etwa keineswegs eine stabile Kategorie war, sondern verliehen oder erkämpft wurde. So proklamierten Mitte des 19. Jahrhunderts irisch-amerikanische Hafenarbeiter, nur mehr mit Weißen arbeiten zu wollen - und verlangten den Ausschluss deutschstämmiger Arbeiter, die für sie nicht unter diese Kategorie fielen.

Critical Whiteness möchte das Wissen über die künstliche Erzeugung und Verteidigung von Weißsein verankern und deutlich machen, dass "Hautfarbe" noch immer bestimmt, mit welcher Realität man tagtäglich konfrontiert ist. Also doch eher "We Are Not Trayvon Martin", wie sich ein Blog  nennt, der die Idee der Critical Whiteness konkret anwendet. "Ich bin weiß, Mittelschicht, noch Teenager. Ich wurde mit Privilegien geboren. Ich wurde niemals angegriffen. Niemals Opfer von Polizeigewalt", heißt es dort. Im Minutentakt  erscheinen auf dem Blog Beiträge von Menschen,  die sich bewusst machen, dass sie mit einer "Hautfarbe" geboren wurden, die sie vor vielem schützt. Einer weißen. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 25.7.2013)

Buchtipps

Katharina Röggla: Critical Whiteness Studies, Mandelbaum 2012, 140 Seiten, 12 Euro

Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (Hg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Unrast 2009, 552 Seiten, 24 Euro

Toni Morrison: Im Dunkeln spielen. Weiße Kultur und literarische Imagination, Rowohlt 1994, 125 Seiten, 6,70 Euro

Links

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Solidarisierung für Trayvon Martin in Kapuzenjacken vor der City Hall in New York.

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