Sind schwache Frauen stark?

28. Juli 2013, 18:00
112 Postings

Die Psychoanalytikerin Jean Baker Miller begründete in ihrem 1976 erschienen Buch einen neuen Therapieansatz. Ihre dazugehörige Gesellschaftsanalyse ist noch immer gültig

Kann es sein, dass die psychischen Eigenschaften der Frauen den menschlichen Grundwerten besser entsprechen als jene der Männer? Und ist es möglich, dass in ihnen das Potential für eine solidarische Welt liegt? Die Psychoanalytikerin Jean Baker Miller jedenfalls war davon überzeugt. In ihrem 1976 erschienenen Buch "Die Stärke weiblicher Schwäche" ("Towards a New Psychology of Women") vertrat sie die These, dass in den traditionell als "weiblich und schwach" definierten Attributen wie Emotionalität und Empathie in Wirklichkeit "entscheidende Stärken" liegen, ohne die eine Gesellschaft nicht funktionieren könne.

Mit ihrem Buch, das in der zweiten Frauenbewegung breit rezipiert wurde, begründete sie ihre "Relational-Cultural-Theory", in der nicht das abgegrenzte, autonome Selbst als Ausweis psychischer Gesundheit gilt, sondern die Fähigkeit, Beziehungen einzugehen, die dem beiderseitigen psychischen Wachstum dienen. Ein Ausgangspunkt ihrer Überlegungen war dabei die "weibliche Fähigkeit", Bindungen einzugehen und intensiv zusammen zu arbeiten.

Damals schrieb Miller, die Gesellschaft beklage zwar nahezu einstimmig die Entfremdung des Menschen, seinen Mangel an Kommunikation und seine Unfähigkeit, die Gesellschaft nach humanen Zielen einzurichten. Gleichzeitig wolle man nicht erkennen, dass sie die Folge "männlicher Zielvorstellungen" wie Fortschritt um jeden Preis, schärfster Konkurrenzkampf und Ausbeutung seien und aufs Engste mit der Position zusammenhingen, die man den Frauen sozial und psychisch zuschreibt.

Dilemma der geschlechtsspezifischen Sozialisation

Den Ursprung des Dilemmas ortete Jean Baker Miller in der unterschiedlichen Erziehung der Geschlechter. "In den westlichen Gesellschaften werden Männer dazu gebracht, Gefühle der Schwäche oder Hilflosigkeit zu fürchten, zu verabscheuen und zu verleugnen, wohingegen Frauen ermuntert werden, diesen Gefühlszustand zu kultivieren", stellte sie fest. Während den Buben schon früh vermittelt werde, einer überlegenen Gruppe anzugehören, die es nicht nötig habe, sozial und kooperativ zu sein, würden die Mädchen darauf konditioniert, sich auf Reaktionen und Emotionen anderer zu konzentrieren und ihre eigenen Empfindungen und Wünsche als zweitrangig einzuordnen.  In dem Maße also, wie die Sozialisation von Mädchen auf Bindung und Kooperation abziele, unterstütze jene von Buben das Streben nach Unabhängigkeit.

Degradierung der wesentlichen Bereiche

Die Zuweisung des gesamten psychosozialen Bereichs an die Frauen sei aber mehr als problematisch, warnte Miller. Inkludiere sie doch, dass die damit verbundenen Aufgaben, andere Menschen zu unterstützen, als "wesentlich geringer" eingestuft werden als die angeblich "wichtigeren" Aufgaben der Männer. Das habe dazu geführt, dass "die wichtigsten unserer gesellschaftlichen Einrichtungen nicht darauf ausgerichtet sind, anderen in ihrer Entwicklung zu helfen". Da jedoch jeder Mensch in allen Stadien seines Lebens Hilfe und Anteilnahme brauche, sei es nur logisch, wenn dieses dichotome unmenschliche Modell nicht funktioniert und Probleme produziert, unter denen alle zu leiden hätten: die Frauen als Unterdrückte und Degradierte, die herrschende Klasse der Männer, die Gefühle nicht zeigen darf, sowie das gesellschaftliche System im Gesamten, das sich durch Gegeneinander statt Miteinander ausweist.

Kooperation als Lösung

Deshalb sei es höchste Zeit, das verkrustete Wertesystem samt seiner obsoleten Geschlechterrollen aufzubrechen und zum Vertrauen auf Bindungen und Zusammenarbeit  zurückzukehren, meinte Miller. Ihre "Relational-Cultural-Theory" wies den Weg zu einer Therapieform, die die Gründe für Depressionen von Frauen benannte - Isolation und die abgewertete weibliche Rolle - und weiters in der Wieder-Verbindung mit anderen Menschen Heilungschancen sah.

Den Männern empfahl sie, sich mit ihren Ängsten zu befassen. Im gleichen Maße sollten Frauen auch jene Stärken an sich sehen, die kulturell als "männlich" und "unweiblich" deklariert wurden. Vor allem aber sollten sie sich fortan weigern, "die Bürde verschiedener ungelöster Probleme der männlich bestimmten Gesellschaft zu tragen", riet Miller. Nur auf diese Weise würden die Männer erkennen, dass bessere Übereinkünfte notwendig seien.

Keinesfalls, betonte die Psychoanalytikerin abschließend, zielten ihre Überlegungen darauf ab, Frauen den Auftrag zur Rettung aus der gesellschaftlichen Misere zu erteilen. Auch verwehre sie sich des möglichen Eindrucks, in Frauen die "besseren Menschen" zu sehen. Aufgrund ihrer Unterdrückung und Ausgrenzung seien sie jedoch in der Lage, die Probleme deutlicher zu erfassen als gemeinhin Männer. Mehr noch lasse sich behaupten: "Frauen sind der derzeitigen psychologischen Theorie und Praxis weit voraus".

Baker Millers Theorien heute

Als Jean Baker Miller ihre Abhandlung 1976 publizierte, machten sich erste Fortschritte der Internationalen Frauenbewegung bereits bemerkbar: in einem neuen Bewusstsein des Selbstwerts einiger Frauen ebenso wie einer Reihe von Neuerungen auf legistisch-politischer Ebene. Die positiven Veränderungen seien nur möglich geworden, weil Frauen sich weigerten, weiterhin "zweitklassig" zu sein, konstatierte Baker Miller und froh lockte, dass "dieser ungeheure Wandel zu einer ganz neuen Lebensqualität führen wird".

Bedauerlicherweise freute sie sich zu früh. Denn obgleich Millers Beobachtungen aus damaliger Sicht durchaus richtig waren, sind wir heute mit Begrenzungen konfrontiert, die sie nicht voraussehen konnte. Zwar ist in psychosozialer Hinsicht eine Annäherung der Geschlechter in den vergangenen Jahrzehnten zu bemerken. Und auch dass Frauen heute selbstbewusster auftreten, unabhängiger sind und in so gut wie allen Berufen vertreten, kann ebenso wenig geleugnet werden wie die Tatsache der Justifizierung beinahe jeden gesellschaftlichen Bereiches zur Schaffung der Gleichstellung von Frau und Mann.

Doch die Hoffnung Baker Millers auf eine Neuordnung der Gesellschaft in dem von ihr dargelegten Sinn wirklicher Kooperation und wahrer Bindungen hat sich dadurch nicht erfüllt. Im Gegenteil haben wir es im vorherrschenden neoliberalen System, in dem Ego und Konkurrenz verehrt werden, verstärkt mit der Verachtung solcher Eigenschaften und Fähigkeiten zu tun. Neoliberale Politik dient dem Gegenteil von Bindung, sie treibt gemäß ihres Prinzips des "divide et impera" dicke Keile zwischen die Menschen und betont deren Unterschiede. Umso dringlicher wäre es, Konzepte des Miteinanders statt Gegeneinanders ernst zu nehmen. (Dagmar Buchta, dieStandard.at, 29.7.2013)

Über die Autorin:

Jean Baker Miller, geb. Jean Teutonia Baker (1927-2006), zählt zu den bedeutendsten PsychoanalytikerInnen des 20. Jahrhunderts. Sie studierte Geschichte und Medizin und war seit 1959 als Psychoanalytikerin in New York tätig. Mit dem vorgestellten Buch „Die Stärke weiblicher Schwäche" (Towards a New Psychology of Women) schuf sie die Grundlagen der Relational-Cultural-Theory. Diese wurde ab 1981 in einem eigenen Forschungsinstitut am Wellesley College weiterentwickelt. Seit 1995 trägt es den Namen "The Jean Baker Miller Training Institute".

Baker Miller war mit dem Soziologieprofessor Seymour M. Miller verheiratet und Mutter zweier Söhne. Sie starb 78-jährig an einem Lungenemphysem.

  • Im Fischer Verlag ist die deutsche Ausgabe von "Towards a New Psychology of Women" 1983 erschienen.
    foto: fischer verlag

    Im Fischer Verlag ist die deutsche Ausgabe von "Towards a New Psychology of Women" 1983 erschienen.

  • Jean Baker Miller: Als einen zentralen Grund für Depressionen sah Miller die Isolation von Menschen.
    foto: jean baker miller training institute

    Jean Baker Miller: Als einen zentralen Grund für Depressionen sah Miller die Isolation von Menschen.

Share if you care.