Simulierter Wurmbefall dämpft allergische Reaktionen

24. Juli 2013, 17:58
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Wiener Wissenschafter fanden im Mäuseversuch weitere Hinweise auf Richtigkeit der Hygiene-Hypothese

Wien - Gemäß der sogenannten Hygiene-Hypothese neigen die Menschen in den Industriestaaten nicht zuletzt deshalb vermehrt zu Allergien, weil ihr Immunsystem mangels Parasitenbefall gleichsam "unterbeschäftigt" ist. Wissenschafter vom Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien haben jetzt in einer Studie an Mäusen weitere Hinweise für die Gültigkeit dieser Hypothese sammeln können. Daraus könnten sich in Zukunft neue Behandlungsstrategien ableiten lassen.

Einfluss auf das Immunsystem

"Die Sache ist durchaus spannend. Man weiß, dass Kinder in Weltregionen wie Afrika deutlich weniger an Allergien leiden als Kinder aus Industrieländern. Sie werden häufig von Würmern, Protozoen oder anderen Parasiten befallen", sagte Ursula Wiedermann-Schmidt, Leiterin des Instituts.

Immerhin leidet beispielsweise ein Drittel der Menschheit zu jedem gegebenen Zeitpunkt an Wurmbefall. Die Expertin: "Parasiten haben oft die Eigenschaft, sich als chronische Infektion zu etablieren. Da hilft ihnen die Fähigkeit, dem Immunsystem des Wirtsorganismus zu entgehen." Das erfolge, indem sie die Antwort des körpereigenen Immunsystems bzw. ihre Erkennung als Eindringlinge unterdrücken.

Ein Nebeneffekt von Parasitenbefall, so die Autoren der Studie, die in "PLoS One" publiziert worden ist: "Das Immunsystem wird so moduliert, dass es neben den Parasitenantigenen auch auf andere Antigene wie Allergene oder (bestimmte) Impfstoffe weniger stark reagiert."

Der Versuch

Die Wissenschafter des Instituts am Zentrum für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie der MedUni Wien versuchten, diesen Vorgang im Labor nachzuvollziehen. Wiedermann-Schmidt beschreibt, wie für die Versuche Mäuse mit einem Extrakt des Wurms Oesophagostomum dentatum, der weder für Mäuse noch Menschen pathogen ist, "behandelt" wurden. Daraufhin sei es zur verstärkten Produktion von regulatorischen Immunbotenstoffen wie Interleukin-10 und TGF-beta, gekommen.

Belastete man die Tiere gleichzeitig mit dem Birken-Hauptallergen Bet v 1, kam es zu einer geringeren Bildung von Allergie-spezfischen Antikörpern sowie zu einer geringeren Freisetzung von inflammatorischen Botenstoffen aus Immunzellen. Außerdem zeigten sich in Lungengewebe weniger Entzündungszeichen, was auf eine verringerte Potenz zur Auslösung von Asthma hinwies.

Der Effekt, so die Wissenschafter, beruht offenbar auf eine geringere Aktivierung jener Zellen, welche von außen in den Organismus eingedrungene Antigene aufnehmen und dem Immunsystem präsentieren, um eine Abwehrreaktion herbeizuführen. Wiedermann-Schmidt: "Es sieht so aus, als würden bestimmte Zuckerstrukturen der Parasiten die Abwehr-dämpfende Wirkung haben. Wir wollen jetzt Fraktionen aus den Wurmextrakten herstellen, um diese Strukturen genau zu identifizieren."

"Rosskur" mit Nebenwirkungen

Die Angelegenheit rund um die immunmodulierende Fähigkeit von Parasiten könnte in Zukunft von medizinischem Nutzen sein. So hat es bereits Studien an Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen gegeben, denen man Wurmeier-Präparate zum Trinken gab. Daraus wurden Hinweise abgeleitet, wonach diese experimentelle Therapie die Darmentzündungen besserte. Allerdings gab es dafür andere und potenziell schädliche Immunreaktionen. (APA/red, derStandard.at, 24. 7. 2013)

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