Ibn Saba, der Jude, und die Schia

Analyse24. Juli 2013, 11:38
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Der aktuelle Konflikt zwischen den islamischen Strömungen hat seine Wurzeln im frühen sunnitischen Antisemitismus

Die Gemeinheiten und Grausamkeiten, die Sunniten und Schiiten einander heute wieder antun - laut iranischen Politikern alles ein Komplott des Westens -, sind wie ein Geschichtsbuch des innerislamischen Konflikts. Immer wieder kommt etwas aus dem Argumentationsfundus beider Seiten daher, das man als längst akademisch abgehakt eingeordnet hätte. Die frühislamische Geschichte beziehungsweise ihre spätere Überlieferung zeigt sich von einer erschreckenden Wirkungsmächtigkeit, für viele Menschen ist sie so real wie die Hand, die sie sich vor die Augen halten.

Ein Diplomat an der irakischen Botschaft in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad hat in einem Interview etwas von sich gegeben, was zwar aus einer der ältesten Schia-feindlichen Mottenkisten stammt, aber durchaus noch - oder wieder - Thema von Debatten ist, heute eben in Internet-Foren: Die Schiiten, sagte der sunnitische Diplomat, der aus einem Land mit einer schiitischen Bevölkerungsmehrheit stammt, seien ja eigentlich eine von einem jemenitischen Juden gemeinsam mit Persern gegründete Bewegung, die den Zweck hatte, den Islam zu zerstören. Es ist anzunehmen, dass der Mann das wirklich fest glaubt, so hat er es vielleicht als Kind erzählt bekommen - oder er hat es in einer der Bibliotheken in Saudi-Arabien gelesen, die voll von antischiitischer Literatur sind.

Aber zum Hintergrund der Sache: Ob es diesen Abdullah ibn Saba, der im 7. Jahrhundert gelebt haben soll, wirklich gegeben hat, darüber scheiden sich die Geister - und zwar sowohl auf islamischer als auch auf westlich-orientalistischer Seite. Darüber, ob er tatsächlich Jude war, natürlich auch: Heinz Halm schreibt, dass diese Version, die etwa vom jüdischen Religionsgelehrten Israel Friedlaender (1876-1920) vertreten wurde, überholt ist. Friedlaender sah den Hintergrund von Abdullah ibn Saba im abessinischen Judentum. Von da hätten auch seine Lehren (dazu später) stammen können, für die außerislamische Quellen angenommen werden - das hätte auch ein "gnostisch gefärbtes, häretisches Judentum" (Halm) sein können (häretische Strömungen im Judentum gab es ja zuhauf, das Christentum ist nur eine davon).

Immerhin ist für Ibn Saba der Beiname "Ibn al-Sauda", Sohn der Schwarzen, überliefert: Seine Mutter könnte also auch eine Abessinierin gewesen sein. Für Bernard Lewis ist hingegen die jüdische Zuschreibung - an eine Figur, die es vielleicht gar nicht gegeben hat - quasi ein Fall von frühem sunnitischem Antisemitismus (das heißt, mehr als religiös begründeter Antijudaismus): Alles Übel, also auch die Schia, kommt von den Juden.

Unseriöser Geschichtsschreiber

Der sunnitische Hass auf Ibn Saba stützt sich besonders auf eine Quelle, die jedoch auch von sunnitischen Islamgelehrten als nicht seriös eingestuft wird: den frühen Historiografen Saif Ibn Omar al-Tamimi (gestorben Ende des 8. Jahrhunderts). Er bringt Ibn Saba mit dem Aufstand gegen den dritten Kalifen, Uthman Ibn Affan, und dessen Ermordung in Verbindung (wir schreiben das Jahr 656). Friedlaender und andere Autoren, die Ibn Sabas Existenz akzeptieren, weisen diese Geschichte aber zurück: Die Leute von Medina hätten einen Sündenbock gebraucht, um ihre eigene Kollaboration bei der Ermordung Uthmans vergessen zu machen, da habe sich Ibn Saba angeboten.

Da es noch andere ähnliche Figuren in der frühislamischen Geschichte gibt, halten Autoren auch eine Verwechslung oder ein Zusammenmischen mehrerer historischer Personen in der späten Überlieferung für möglich. Es gibt aber auch Wissenschaftler, die davon überzeugt sind, dass Ibn Saba pure Fiktion ist: Das sind zum Teil westliche Islamwissenschaftler wie Lewis, sowie, wenig überraschend, meist schiitische Schreiber. Mit einer großen - in jeder Hinsicht großen - Ausnahme: dem ägyptischen Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Taha Hussein (1889 bis 1973).

Husseins Beurteilung vorislamischer und frühislamischer Literatur und Figuren brachte ihm aber in seinem sunnitischen Umfeld jede Menge Ärger ein. Sein Buch "Über vorislamische Poesie" wurde zuerst verboten (Ende der 1920er Jahre war das), und er wurde wegen Beleidigung des Islam angezeigt - was aber nicht weiter verfolgt wurde. Heute würde sich bestimmt ein islamistischer Jurist finden, der die Sache weiterdreht. In Ägypten häufen sich ja jetzt auch die religiös begründeten Anzeigen gegen Schiiten, meist wegen Beleidigung von Aischa (Frau des Propheten des Muhammads, die bei der innerislamischen Spaltung aufseiten der Sunniten eine große Rolle gespielt hat) und der Prophetengefährten. Da sind wir in der historischen Zeit, in der auch unser Ibn Saba gelebt haben soll.

Der Jemenit, Sohn der Schwarzen

Abdullah ibn Saba mit den Beinamen al-Himyari (der Jemenit) und Ibn al-Sauda (Sohn der Schwarzen) ist aber aus anderen Gründen interessant für die Wissenschaft: Ob er nun gelebt hat oder für jemand anderen steht - auf alle Fälle dürfte er der ersten Gruppe von "Übertreibern" angehört haben, die fast zeitgleich mit der Schia selbst entstand. Er ist der erste Ghali (Übertreiber), über den berichtet wird. "Die bizarre Mythologie der 'ghulat' (Plural von Ghali, Anm.) begleitete die dogmatische Entwicklung der Schia wie ein Schatten", schreibt Halm. "Ghuluw", Übertreibung oder Extremismus, brachte im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte etliche Gemeinschaften hervor, wovon das Alawitentum (ursprünglich Nusayriertum) die letzte überlebende ist.

Unser Ibn Saba soll demnach Ali (den Schwiegersohn und Cousin des Propheten, vierten Kalifen und ersten Imam der Schia - an seinem dynastischen Anspruch an das Kalifatsamt spalteten sich Sunniten und Schiiten) in Kufa aufgesucht und als Gott angebetet haben: worauf ihn Ali sozusagen hochkant hinausschmiss und nach al-Mada'in (die alte hellenistisch-sassanidische Metropole Seleuka-Ktesiphon) zurückschickte, woher er offenbar kam. Aber die Anbetung Alis als Gott beziehungsweise die Umdeutung der Figur war nicht mehr auszurotten. Für die meisten Ghulat sind auch die anderen schiitischen Imame nur Hüllen, deren sich die Gottheit immer wieder bedient. Ihrerseits zeihen die Ghulat die "orthodoxen" Schiiten der "Verkürzung", weil sie eben den Imamen ihren göttlichen Rang vorenthalten. Sozusagen Ghuluw-Standard - und bei den Alawiten zu finden - ist eine spirituelle Deutung des islamischen Gesetzes, das damit seine Verbindlichkeit verliert. Und das ist ein klarer Antinomismus, der sich natürlich mit der Gesetzesreligion Islam nicht gut verträgt.

Frühe Vielfalt

Was bleibt, ist ein Hinweis auf die ursprüngliche Vielfalt im Islam und besonders in der frühen Schia. Laut Halm lässt sich die Entstehung von Ghuluw im Frühislam erklären als "der Versuch, vorislamisch-gnostische Überlieferungen als die urewige Wahrheit aller Offenbarungen und damit auch als das geheime, innere Sein der jüngsten koranischen Offenbarung zu etablieren". Eine bestimmte vor- oder außerislamische Quelle dieser Vorstellungen lässt sich nicht namhaft machen, wie gesagt, laut Halm könnten jüdische Sekten schon mitgespielt haben. Wahrscheinlich hat gerade diese Vielfalt im frühen Islam spätere puristische Strömungen wie die Salafiya begünstigt: Da musste Ordnung hinein.

Und im Internet kann man heute seitenlange Abhandlungen darüber lesen, dass Ibn Saba ja doch ein Jude war und dass er die Schia gegründet hat, sowie die entsprechenden Zurückweisungen. Nur ein Beispiel, weil auf ersten Knopfdruck gefunden: "Ibn Saba The Jew, the Spiritual Father of the Rafidha - An Unquestionable Truth" (Rafidha ist ein Kollektivnomen für "die Deserteure", eine feindselige sunnitische Bezeichnung für die Schiiten). 20 Seiten, wenn Sie sie lesen, sind Sie nachher nur insofern gescheiter, als Ihnen klar geworden ist, welches Gewicht die frühislamische Geschichte heute wieder hat. (Gudrun Harrer, derStandard.at, 24.7.2013)

  • Irakische Schiiten feiern am heiligen Schrein des Imam Abbas in Kerbala.
    foto: ap photo/ hadi mizban

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