Gestörte Systemtheorie: Faktor Gelse

31. Juli 2013, 16:54
4 Postings

Beim komplexen Phänomen des Gartelns sind alle Akteure mit klar definierten Aufgaben bestens vernetzt - Nur wie die Gelse in diese Symbiose passen soll, konnte Gregor Fauma noch niemand schlüssig erklären

Kontrolle, darum geht es doch. Der Mensch strebt nach Macht, qua derer er seine Umgebung kontrollieren kann. Und kontrollierbare Umgebungen sind vorhersagbar, was dem Menschen sein Handeln wiederum erleichtert, da er im vorgestellten Raum sein Tun ausprobieren und variieren kann, bevor er es in Realität umsetzt. Es geht also um Vorhersagbarkeit durch Kontrolle.

Hat der Mensch Kontrolle, wird er hormonell belohnt: Er fühlt sich wohl, genießt sein Sein, hat Sex oder empfindet genussvoll von ihm oder anderen geschaffene Ästhetik. Gibt es sonst einen Grund, eine natürlich vorkommende Pflanze in irgendein Schema zu pressen, zu arrangieren, zu stutzen und zu mutieren?

Hormonelle Belohnungswelle

Das Phänomen des Gartelns dient nur einem Zweck, der hormonell belohnten Kontrolle zum Vorhersagbarmachen der direkten Umgebung. Und das klappt im Garten ja ganz gut, davon lebt eine ganze Industrie. Im Winter verdienen Verlage und Händler an Anleitungen, vulgo Büchern, die dem Gartler zeigen, wie man seinen Garten vorhersagbar macht: Mähe im April, streue im Mai, mulche im August, ernte im Oktober.

Gärtnereien sind in diesem System die Lieferanten des Stoffs, den es zu beherrschen gilt: die Dankbaren, die Heiklen, die Zweijährigen, die Winterfesten, die Einjährigen. Und natürlich macht die Literatur jene zu Feinden, die von allein kommen und keine Hilfe, sprich: Kontrolle, brauchen: die Un-, Pardon, Wildkräuter.

Schön nach Anleitung werden Zierpflanzen nach Farben, Größen und Bedürfnissen gesetzt, und wenn das Beet dann vollkommen vor einem in voller Blüte steht, setzt die hormonelle Belohnungswelle ein, die Dopamin/Serotonin-Rezeptoren werden geflutet. Spannend wird das alles, wenn die Kontrolle versagt, wenn sich der Garten oder Teile davon nicht an die Spielregeln halten und einen eigenen Willen entwickeln. Dann wird Glück durch Ärger ersetzt, Dopamin durch Noradrenalin, und Kontrolle weicht dem Chaos. Und wer ist wieder einmal schuld? Die Viecher natürlich.

Gemarterte Gärtner

Während sich die Pflanzen brav nach Schema F verhalten, glauben die Tiere wieder einmal, tun und lassen zu können, was ihnen gefällt. An oberster Stelle regiert die Wühlmaus. Um diese kontrollieren zu können, deckt sich der Gartler im Juli mit spezifischen Waffen ein, um diese im August einzusetzen. Aber die Wühlmaus gewinnt, keine Sorge. Genauso wenig vorhersagbar ist das Verhalten der Vögel im Garten. Einmal bekleckern sie die mattgrünen Funkienblätter, ein anderes Mal rupfen sie Keimlinge, und bei nächster Gelegenheit stehlen sie gar das Beerengemüse aus den Beeten.

Nicht besser zu kontrollieren sind diverse Larven hübscher Käfer und Schmetterlinge in und über dem Boden. Im Boden verzehren sie Wurzelstöcke, über dem Boden sorgen sie für Kahlschlag im Blattwerk. Jeder Versuch, dies in den Griff zu bekommen, hebt den Noradrenalinspiegel, senkt die Augenbrauen und lässt die Lippen schmal werden: Wut, Ärger und Zorn fressen sich in die Gesichter gemarterter Gärtner - daran sollt ihr sie erkennen.

Aber selbst wenn der Garten frei von Wühlmaus, Engerling und Raupe ist und man seinen Dopaminspiegel untertags wieder auf ein brauchbares Niveau heben konnte: Es vergällen einem letztendlich die Gelsen, wenn man zur lauen Dämmerung die ästhetischen Früchte seiner Arbeit bei einem Schälchen genießt. In Scharen warten sie die Hitze des Tages in schattigen, feuchten Gartenbereichen ab, um sich dann heißhungrig auf den dezent verschwitzten Gärtner zu stürzen und ihm und seiner Gartlerin das Leben im Freien zur Hölle zu machen. Null Kontrolle, und das mit hoher Vorhersagbarkeit! (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 26.7.2013)

Tipps gegen Gelsen:

Legen Sie sich Gelassenheit zu. Akzeptieren Sie, was Sie nicht ändern können. Gegen Gelsen helfen jedenfalls das ständige Ausleeren von Untersetzern, Kübeln und anderen Wasserdepots, helle und lange Kleidung am Abend sowie eine tiefenreinigende Dusche, bevor man den Before-Dinner-Drink im Freien einnimmt.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Gelsen trachten danach, dem Gärtner das Leben im Freien zur Hölle zu machen.

Share if you care.