Kultur des Beutels

30. Juli 2013, 17:22
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Bitter ist es, seine Lieblingscremen beim Einchecken in die Mülltonne wandern zu sehen - Mit Travel-Kits für unterwegs passiert das nicht

Kulturbeutel ist das altmodische Wort für jene Tasche, in der Toilettesachen auf Reise gehen. Früher musste man keine Sekunde überlegen, was da alles rein muss - ganz einfach alles nämlich, für morgens und abends. Abschminkmilch, Seife, Tages- und Nachtcreme, Handcreme, Lippenbalsam, Serum, Make-up, Kontaktlinsenlösung. Vielleicht sogar eine Maske? Reisen in Flugzeugen ist für die Haut schließlich superanstrengend.

Längst funktioniert diese unbekümmerte Art des Einpackens nicht mehr. Entweder der Kulturbeutel wird im Koffer verstaut (und geht hoffentlich nicht irgendwo unterwegs verloren), oder man entsinnt sich der Vorgaben von Flugbehörden, die nach 9/11 bestimmen, wie viele Milliliter in einer Flasche enthalten sein dürfen. Mehr als 100 nicht. Man orientiere sich an Plastiksprengstoff, heißt es. So ist oft die einzige Option, sich die Cremen seines Vertrauens in kleinere Gebinde abzufüllen.

Das ist kein Kinderspiel, weil es - erstens - eine Patzerei ist und - zweitens - jene japanische Warenhauskette, die sich auf derlei Döschen und Tiegelchen spezialisiert hat, Muji nämlich, hierzulande noch nicht präsent ist. Bleibt das mühselige Auswaschen von Produktproben. Aber wehe, wer vergisst, was wo drinnen ist: So manche Gesichtscreme wurde als vermeintliches Shampoo schon in die Haare geschmiert.

Marketing in Miniaturen

Eine Alternative für die Reise sind deshalb die wirklich praktischen Travel-Kits. Unproblematisch für alle, die gerne etwas Neues ausprobieren, aber eher risikoreich für hautempfindliche Beautyistas. Wer will schon unterwegs allergisch auf irgendetwas Neues reagieren?

Das Glück, dass die Kosmetikmarke des Vertauens zufällig auch Reisesets anbietet, haben wenige. Stark in Miniaturem sind Kiehl's, Aesop, Vichy oder Eigenmarken von Drogerieketten. Für die Konzerne sind Produktproben ganz nebenbei perfekte Marketingtools, um Neukunden anzuwerben. Luxuriös geht es Chanel an: Ab August gibt es die Creme "Weekend" in 75 Millilitern.

Generell bleibt ein eisernes Gesetz erhalten: Der Transport im durchsichtigen Plastiksackerl. Es ist der wahre Kulturbeutel des 21. Jahrhundert, erdacht von Beamten am Röntgenband. (Karin Pollack, Rondo, DER STANDARD, 26.7.2013)

  • Badezimmer auf Reisen: muss sein - sowie die Voraussicht, denn Flughafenkontrollen sind unerbittlich.
    foto: corbis/spl

    Badezimmer auf Reisen: muss sein - sowie die Voraussicht, denn Flughafenkontrollen sind unerbittlich.

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