Ankara erhöht Leitzins zur Lira-Stützung

23. Juli 2013, 18:38
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Kurswechsel und Drohungen des türkischen Premiers gegenüber den Banken

Istanbul - Ein "maßvoller Schritt" sollte es sein inmitten einer Kampagne des türkischen Premierministers Tayyip Erdogan gegen Banken und Börse, die Investoren und politische Beobachter in der Türkei eher als maßlos empfinden. Um einen Dreiviertelpunkt, von 6,5 auf 7,25 Prozent, hat die Zentralbank in Ankara am Dienstag ihren Korridor für Leitzinsen erhöht. Damit sollen der Kursverfall der Lira und die Sorgen über die politische Stabilität des Landes eingedämmt werden.

Erdogans radikale Kehrtwende

Unter Druck gebracht durch die Protestbewegung gegen seinen autoritären Regierungsstil, hat Premier Erdogan in den vergangenen Wochen zurückgefeuert. Unternehmen, die mit den Protestierenden sympathisieren, griff er an; Spekulanten an der Börse macht er nach wie vor als Drahtzieher der Revolte verantwortlich. Mittlerweile stürzte sich der Regierungschef auch auf die Banken im Land und deren Geschäft mit den Privatkunden.

"Nehmt keine Kreditkarten", hatte Erdogan mit einem Mal seine Landsleute gewarnt. Eine völlige Kehrtwende. Gemeinsam mit seinem Wirtschaftsminister Zafer Caglayan hatte der Premier in den vergangenen zwei Jahren immer wieder die Zentralbank für deren Vorsicht kritisiert und auf eine Lockerung der Zinsen gedrängt, um den Konsum anzutreiben.

Risiko Handelsbilanz

Doch damit geriet die türkische Wirtschaft immer stärker in ein Dilemma, wie sich zeigte. Mehr als 3,5 Milliarden Dollar verkaufte die Zentralbank in Ankara seit Beginn des Monats, um den Absturz der Lira abzufangen - ohne dauerhaften Erfolg. Unter den aufsteigenden Märkten gilt die Türkei wegen ihres Handelsbilanzdefizits als besonders verwundbar gegenüber Kapitalabflüssen. Die türkische Wirtschaft verlangsamte zudem ihr Wachstum im vergangenen Jahr deutlich auf nur noch 2,2 Prozent. An ihrer Prognose von vier Prozent für dieses Jahr hält die Regierung in Ankara mittlerweile selbst nicht mehr fest.

Zentralbankchef Erdem Basci kündigte eine Zinserhöhung bereits vor einer Woche an, und dies im Anschluss an ein Krisentreffen zwischen Premier Erdogan und Finanz- und Wirtschaftsministern. Es war ein ungewöhnlicher Schritt, der - wie türkische Kommentatoren bemerkten - infrage stellt, wie unabhängig die Zentralbank in ihren Entscheidungen tatsächlich von der Regierung ist.

Der Staatsminister für Wirtschaft und Vizepremier, Ali Babacan, gab schon einen ersten Erfolg bekannt: Eine Milliarde Dollar seien in die Türkei zurückgeflossen; acht Milliarden waren allein im Mai, vor den Gezi-Protesten, abgewandert. (Markus Bernath aus Istanbul, DER STANDARD, 24.7.2013)

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