Mit Bleistift und feministischer Brille

23. Juli 2013, 18:22
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Die Anglistin Julia Lajta-Novak analysiert fiktionale Biografien von Künstlerinnen

Die erste fiktionale Biografie einer Künstlerin fiel Julia Lajta-Novak in Edinburgh 2002 in die Hände. "Plötzlich waren sie überall", beschreibt die Literaturwissenschafterin. Die Verschränkung von harten Fakten und fiktionalen Geschichten aus dem Leben berühmter Menschen boomt.

Das Korpus für ihr Postdoc-Projekt hat sich in kurzer Zeit auf 60 Romane verdoppelt, obwohl sie nur Quellenangaben und ausgewählte Tipps verfolgt. "Mich interessiert, wie Autoren und Autorinnen die größere Freiheit des Fiktionalen nutzen, welche Fakten sie weglassen und welche betonen." Für ihre vergleichende Analyse konzentriert sich die 33-jährige Anglistin auf Biofiction über Künstlerinnen wie Artemisia Gentileschi, Nell Gwynne, Elizabeth Barrett Browning, Clara Schumann, Virginia Woolf, Frida Kahlo oder Sylvia Plath. Dabei wird sie durch ein Hertha-Firnberg-Stipendium des Wissenschaftsfonds FWF unterstützt.

Beim kritischen Lesen sind ein Bleistift und die "feministische Brille" ihre treuen Begleiter. Sie stellt zwei Kernfragen an die Werke. Erstens: Was bedeutet es, eine Künstlerin in diesem Buch zu sein? Kunstausübung ist ja per se öffentlich und steht oft in einem Spannungsverhältnis zur traditionellen Frauenrolle.

Zweitens: Welche Lebensmodelle entwirft das Buch für seine Leser und Leserinnen, und welche musterbildende Vorbildfunktion kann es haben? Eine Biografie kann unter anderem Anteile von Liebes-, Abenteuer-, Kriminal-, oder Bildungsromanen haben. "Ein Genre ist keine Kiste, aber viele Genres entsprechen geschlechtsspezifischen Klischees", sagt Lajta-Novak.

Worüber sie sich selbst oft ärgern muss, macht sie an der Schauspielerin Nell Gwynne fest. Sie war im 17. Jahrhundert die erste Frau auf Englands Bühnen und eine gefeierte "comedienne". Sie war auch die Geliebte von König Charles II. In den Jahren 2007, 2008 und 2011 erschienen Biofiction-Bücher über die Schauspielerin, die allesamt in die Kategorie "schmalziger Liebesroman" einzuordnen sind. "Die Wahl des Spannungsbogens fällt auf den Aspekt: Wie angle ich mir den König, und wie halte ich den Geliebten angesichts der Konkurrenz", macht sich Julia Lajta-Novak Luft. Sie setzt nach: "Eine Biografie wird über historisch bedeutsame Personen geschrieben, und es sieht so aus, als wäre das Bedeutsame an dieser Frau, die Geliebte eines berühmten Mannes zu sein."

Seit der Zeit, als die Wienerin mit ihren Eltern regelmäßig zum Camping nach Großbritannien reiste, wollte sie Anglistik studieren. In englische Literatur sei sie schlicht verliebt, bekennt sie. Sie unterrichtete das Fach auch am Department of English der Universität Wien.

Dort hat sie zudem einen Buchklub initiiert, um in bester britischer Tradition bei Cola und Keksen über Gelesenes zu streiten. Das FWF-Stipendium macht sie flexibel, ihre Perspektive nach diesem Projekt ist allerdings ungewiss. Sie nützt das Budget, um sich auf Konferenzen zu vernetzen und Feedback zu bekommen. Einen Monat verbrachte sie am Life Writing Centre des King's College (London). Eine Biografie der facettenreichen Nell Gwynne würde die ausgebildete Kulturmanagerin sofort selbst in Angriff nehmen, "wenn ich die Euromillionen gewänne". (Astrid Kuffner, DER STANDARD, 24.7.2013)

  • "Ein Genre ist keine Kiste", sagt Julia Lajta-Novak.
    foto: jakob lajta

    "Ein Genre ist keine Kiste", sagt Julia Lajta-Novak.

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