Frankreich, die Sinti und Hitlers Schatten

23. Juli 2013, 18:17
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Ein französischer Abgeordneter meint, Hitler habe vielleicht nicht genug Angehörige des fahrenden Volkes ermordet. Kein isolierter Spruch: Seit Wochen wogt in Frankreich die Debatte über Sinti und Roma

Gilles Bourdouleix ist ein gemäßigter Politiker von der Mittepartei UDI (Union der Demokraten und Unabhängigen). Aber wenn es um das fahrende Volk geht, sieht der Abgeordnete schnell einmal rot. Schon vor drei Jahren erklärte er in Bezug auf sie: "Sie haben alle Rechte. Ich bin bereit, zwischen ihren Wohnwagen einen Laster voller Scheiße auszuleeren." Noch deutlicher wurde der Bürgermeister von Cholet an der Atlantikküste am Sonntag beim Besuch eines Lagers mit 150 Campingwagen. Es kam zum Streit, einige Besetzer zeigten dem Gemeindevorsteher nach seinen Angaben den Nazigruß. Darauf sinnierte er halblaut: "Hitler hat vielleicht nicht genug von ihnen umgebracht."

Als ein Redakteur des Lokalblattes "Le Courrier de l'Ouest" den Tonmitschnitt veröffentlichte, bestritt Bourdouleix zuerst alles und erklärte, der "kleine Scheißkerl von einem Journalisten" habe ihm die Aussage in den Mund gelegt; dann behauptete er, die aufgenommene Szene sei "zusammengeflickt". Der Redakteur erklärte, er lasse aus Erfahrung mit dem Bürgermeister stets das Aufnahmegerät mitlaufen.

Strafverfahren eingeleitet

Seither hat Bourdouleix nicht mehr viele politische Freunde. Die Justiz leitete am Dienstag ein Strafverfahren wegen "Verherrlichung von Verbrechen gegen die Menschheit" gegen ihn ein, die UDI prüft ein Ausschlussverfahren. Der sozialistische Innenminister Manuel Valls - der in seiner Partei eher als Hardliner gegenüber den Roma gilt - nannte die wiedergegebene Naziideologie "unerträglich aus dem Munde eines Bürgermeisters und Abgeordneten". Unter Adolf Hitler hatten die Nazis während des Zweiten Weltkriegs schätzungsweise eine halbe Million Sinti und Roma in Vernichtungslagern umgebracht.

In Frankreich leben heute rund 350.000 "gens du voyage", allerdings nur noch zu 15 Prozent als Nomaden. Im Unterschied zu den schlecht integrierten Roma aus Rumänien und Bulgarien befolgen sie alte Traditionen wie den jährlichen Pilgerzug der Schwarzen Madonna nach Saintes-Maries-de-la-Mer in der Camargue; sie bezeichnen sich als Zigeuner, Sinti, Jenische oder Manouches, aber nur noch selten als Roma. Ende 2012 erzielten sie vor dem Verfassungshof einen Erfolg, als ihr - von Menschenrechtsverbänden heftig kritisiertes - "Reiseverkehrsheft" (livret de circulation) gelockert wurde.

Zu wenig Standplätze

Bourdouleix' Hitlerspruch ist nur der unrühmliche Höhepunkt einer sehr französischen Debatte. Anlass ist ein sozialistischer Gesetzesvorschlag in der Nationalversammlung, der Gemeinden mit saftigen Bußen bedroht, wenn sie keine Standplätze für Fahrende einrichten, wie es in Frankreich seit dreizehn Jahren vorgeschrieben ist. Nur 52 Prozent der betroffenen Orte ab 5000 Einwohnern sind dieser gesetzlichen Verpflichtung bis heute nachgekommen.

Und auch "folgsame" Bürgermeister opponieren immer lauter dagegen. Der konservative Stadtvorsteher von Nizza, Christian Estrosi, erklärte, er lasse die Fahrenden auf seinem Standplatz systematisch mit Videokameras und Justizverfahren verfolgen. "Ich habe schon andere kleingekriegt, ich werde euch auch kleinkriegen", meinte der politisch einflussreiche Anhänger des früheren Präsidenten Nicolas Sarkozy an die Adresse jener, die "dicke Boliden fahren, die sich normale Franzosen erst nach harter Arbeit leisten können".

Nach Estrosi protestierten zahlreiche Bürgermeister gegen wilde Lagerplätze Fahrender. Im französischen Baskenland brachte der Gemeindevorsteher von Ustaritz zum Beispiel Schweinedung auf dem kommunalen Rugbyfeld aus. Ähnlich gingen Bauern westlich von Paris im Juni vor, wobei sie von Lokalpolitikern unterstützt wurden. (Stefan Brändle, DER STANDARD, 24.7.2013)

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    Lager für Sinti, Roma und andere Gruppen des fahrenden Volkes - hier Stains bei Paris nach einem Brand im Vorjahr - lösen immer wieder heftige politische Kontroversen aus.

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