Morse-Verse aus Murano

23. Juli 2013, 17:11
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Licht jenseits der Erkenntnismetapher: Cerith Wyn Evans bei TBA21 im Augarten

Wien - Entfernte Seefahrer könnte man erreichen, Funker könnten sich am Lichtgewitter laben - ihnen erzählt der opulente Luster aus Murano eine Geschichte. Einstweilen pulsen die Lichtmorsezeichen im Atelier Augarten jedoch ins Leere, verpuffen an der Decodierungsschwäche der Betrachter und im gleißenden Strahlen ihrer nachbarlichen Neon-Konkurrenz. Drei minimalistische Lichtsäulen verunklaren die Botschaften des Kronleuchters.

Geradezu kokett macht sich die Information, dass die Morse-Verse auch von Unschärfen berichten: von mikroskopisch kleinen Unreinheiten auf Astrofotografien. Von Staubkörnern, in denen man einst ganze Galaxien zu erkennen glaubte. Dass die Nachricht sich verströmt, ohne einen Empfänger zu finden, ist kein Beinbruch. Denn wo immer der walisische Künstler Cerith Wyn Evans seine ausladenden Kristallluster flackern lässt, ob 2006 im Münchner Lenbachhaus oder aktuell im Palazzo Rezzonico in Venedig - es geht nicht um Lesbarkeit. Der Künstler übt sich zwar in einer Übersetzungsleistung, die von seinen "Chandeliers" geblinkten Texte von William Blake, Theodor W. Adorno, John Cage, Madame de Lafayette oder Alexander Kluge erzählen - so die Kontextmaschine - aber vielmehr von Bedeutungsverlust. Es geht "um jene Lücken in der Kommunikation, in denen das Irrationale, Abwegige, Exzentrische hervorbricht", war einmal in einem Text über ihn zu lesen.

Das hat etwas ungemein Beruhigendes, wenn man nichts verpassen kann, wenn keine Bedeutungsschnipsel abhandenkommen können. Die mit Werken aus der Kollektion der TBA21 gespeiste Ausstellung ist quasi ein lustvoller Hain des Unkonkreten. Man wandelt zwischen Bezügen zu Literatur, Philosophie, Musik, Naturwissenschaft, denen ihre Selbstverliebtheit zugleich etwas Zurückhaltendes verleiht. Eine vornehme Schau also. Allein eine abstrakte Elektro-Komposition (gemeinsam mit Florian Hecker) knistert und knackt etwas vorlaut. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 24.7.2013)

Bis 3. 11.

  • Cerith Wyn Evans "Astrophotography-Stages ..."
    foto: jens ziehe / tba21

    Cerith Wyn Evans "Astrophotography-Stages ..."

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