Der Dachs im Damm und der Waschbär im Kamin

23. Juli 2013, 18:52
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Vorarlberger Flussbauer machen sich Sorgen um löchrige Dämme am Rhein - Auch Waschbären tappen zunehmend in "Zivilisationsfallen"

Bregenz - Dachse sind am Rhein nicht erwünscht. Genauer: Die "Internationale Rheinregulierung", die auf österreichischer und Schweizer Seite des Flusses für Flussbau und Hochwasserschutz zuständig ist, will die Wildtiere nicht in der Nähe der Rheindämme wohnen lassen. Sie würden die Schutzdämme gefährden.

"Im Auwald ist einiges los", sagt Martin Weiß, zuständig für die österreichische Seite des Alpenrheins. "Bei Kontrollen der Hochwasserschutzdämme haben wir an vier Stellen mehrere große Dachsbaue entdeckt, damit ist nicht zu spaßen." Innerhalb weniger Stunden könnte ein unterspülter Damm brechen.

Begabte Tunnelbauer

Was kann das Tier dem großen Damm anhaben? Dachse sind begabte Tunnelbauer, sagt Ökologe Klaus Zimmermann. Die Hohlräume können sich mit Wasser füllen, je nach baulicher Beschaffenheit des Dammes könnte der Schutzwall dadurch unterspült werden. Zimmermann: "Aber nicht nur Dachse können einen Damm gefährden, auch größere Nager wie Wühlmäuse sind an Dämmen nicht gerne gesehen."

Die Rheinregulierer staunten bei ihren Kontrollgängen über weitverzweigte Höhlengänge, "oft mehrere Dutzend Meter lang", die von den Wohnkesseln an die Oberfläche führen. Dachse mögen den humusreichen Boden am Rhein, das wurde ihnen nun von den Flussbauern vergällt. Sie rodeten den dammnahen Auwald, gingen mit Baggerschaufeln gegen die Dachsbaue vor und verdichteten das Erdreich mit Kiesschichten. "Stimmt, wir haben die Dachsbaue zerstört", sagt Weiß.

Für Zimmermann ist die Vorgangsweise tolerierbar, "wenn nicht Familien mit Jungtieren vertrieben werden". Zudem müsse aus Gründen des Tierschutzes gesichert sein, dass die Tiere Rückzugsgebiete haben. Denn immer öfter dringen Dachse in Wohnhäuser vor, sagt Zimmermann. So wurde ein Dachs im Vorarlberger Rheintal aus einem Supermarkt komplimentiert, ein Artgenosse überraschte die Bewohner eines Hauses mit seinem Besuch im zweiten Stockwerk. Ganz ungefährlich seien die kräftigen Tiere für Menschen nicht. "Einen Fuchs kann man mit einem Fußtritt abwehren, bei einem Dachs geht das nicht so leicht."

Tollpatschig

Recht wohl in Vorarlberg fühlen sich neuerdings auch Waschbären. Weil sie gerne auf Dächer klettern, aber dann nicht mehr hinunterkönnen, muss immer wieder die Feuerwehr ausrücken. Waschbären können nicht springen, erklärt Zimmermann, "und sind grundsätzlich eher tollpatschig". So flüchten sie bei Rettungsversuchen oft kopfüber in den Kamin.

Was nicht immer so gut ausgeht wie im Ortszentrum von Götzis (Feldkirch), wo die Feuerwehr das Tier unverletzt über das Putzloch aus dem Kamin des Kulturzentrums holen konnte. Zimmermann rät, den Waschbären keine Aufstiegshilfen wie angelehnte Bretter oder ungeschützte Dachrinnen zu bieten. (Jutta Berger, DER STANDARD, 24.7.2013)

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    Dachse gefährden durch Höhlen- und Tunnelbauten den Hochwasserschutz am Rhein, sagen zweibeinige Ingenieure.

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