Laufen mit blindem Vertrauen

Blog24. Juli 2013, 18:13
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"Begleitläufer" sind Läufer, die mit Sehbehinderten oder Blinden laufen - Sie werden nicht bloß beim Vienna Night Run gebraucht, sondern das ganze Jahr über

Nein, sagt Hans Ewald Grill zur Begrüßung, es gibt keine blöden Fragen. "Woher sollst du wissen, wie das geht?" Aber aus Sicherheitsgründen, meint Hans Ewald Grill, sollten Anfänger das signalgelbe Band daher nicht übers Handgelenk ziehen, sondern lose einen Finger einhaken.

"Da kannst du rascher loslassen, wenn was ist." Grill lässt keinen Zweifel daran, um wessen Sicherheit es geht: meine. "Ich kann es ja", sagt Grill. "Können wir dann los?"

Klar können wir. Und beim ersten Schritt spüre ich das Schmunzeln des Mannes neben mir: "Du kannst den Arm ruhig bewegen. Das Band muss nicht auf Zug sein - und keine Angst, mich anzugreifen, wenn du ein Hindernis siehst oder glaubst, dass was unsicher ist." Das Band strafft sich. Nicht quer. Nicht (von mir) nach hinten - sondern nach vorne. Nicht ich führe - Grill zieht: "Wir können ruhig richtig laufen."

Marathon unter drei Stunden

Wer mit dem 62-jährigen "richtig laufen" will, sollte fit sein: Derzeit läuft er "um die 4:30, wenn ich die zehn Kilometer sportlich anlege". Früher ging es noch schneller: Hans Ewald Grill lief den Marathon in zwei Stunden und 57 Minuten. 1992. In Rom. Da Begleitläufer zu finden war damals genauso schwer wie heute. "Auf einfachen Strecken - wie hier die Hauptallee - trainiere ich auch alleine. Bei Wettkämpfen wäre das zu gefährlich."

Ach ja. Fast hätte ich es jetzt auch hier vergessen. So wie während des Laufs im Nachmittags-Backofen der Hauptallee: Hans Ewald Grill ist blind. Aus der Perspektive eines Sehenden: Grill hat ein Sehvermögen von einem Prozent. "Ich sehe rund einen Meter weit." Dahinter wird es sehr schnell sehr neblig. Hell und dunkel kann er da noch unterscheiden. Aber: Ist das am Boden ein Wasserfleck - oder ein Loch? "Einem Läufer, der auf mich zukommt, kann ich unmöglich ausweichen: Ich sehe ihn zu spät." Und ein Radfahrer, der mit weniger als einem Meter Abstand vorbeifährt, "ist ein Horror: Der kommt aus dem Nichts."

Trotzdem läuft Grill. Nicht nur das: Auf der Homepage seines Vereins, des Versehrtensportklubs ASVÖ Wien (VSK), findet sich eine mehr als Respekt gebietende Liste von Titeln und Rekorden - nicht nur beim Laufen: Riesentorlauf, Speerwurf oder Weitsprung. Oder nordische Disziplinen.

Zu leicht für Speer und Diskus

Neben nationalen Erfolgen stehen da auch etliche erfolgreiche Antritte bei den Paralympics: "Für Diskus und Speer war ich eigentlich zu leicht", lacht der Universalist - und vergisst glatt zu erwähnen, dass er auch schon den Großglockner (über die Palavicini-Rinne) oder den Mont Blanc bestiegen hat. Klingt nach Profisportler und fetten Sponsorverträgen. Grill lacht: Er ist eigentlich schon Pensionist, arbeitet aber noch "in Altersteilzeit". So wie sein ganzes Leben: als Telefonist bei einer Versicherung.

Das, sagt Grill, während wir die Hauptallee entlangtraben, sei nicht so wichtig. Heute geht es ihm darum, den Boden für andere aufzubereiten. Für Blinde. Oder Sehbehinderte: "Gute Begleitläufer sind rar. Aber wir brauchen sie."

Den Laufsport können auch Behinderte gut ausüben - wenn sie jemand an der Hand nimmt. Oder am Band. Auch wenn das Band ohnehin nur eine schlapp baumelnde Notleine ist: Begleitlaufen ist keine Geheimwissenschaft - solange man ein paar Regeln beachtet. "Mit 'Achtung, da vorne kommt etwas' kann ich nix anfangen", erklärt Grill, "aber 'In ungefähr 25 Metern steht ein Hydrant' ist präzise. Das gibt mir Sicherheit. Da weiß ich, dass ich mich auf dich verlassen kann, auch wenn du minutenlang nichts sagt."

Vertrauen muss wachsen. Und das kann es nur durch Übung. Und Lernen. Lernen muss zuerst der Sehende: "Woher sollst du wissen, was ich brauche, wenn ich es dir nicht sage? Das ist eine Welt, die du nie so kennenlernen wirst wie ich."

Nicht von Geburt an blind

Grill war nicht von Geburt an blind. Mit 13 tauchte der aus Bad Goisern stammende Bub eine Flakgranate aus dem Hallstätter See. "Wenn ich heute an einer Trennscheibe vorbeikomme, krieg ich die Ganslhaut: Den Explosionsgeruch von heißem Metall ertrage ich nicht." In den Monaten im Krankenhaus "wollte ich nimmer: Ich habe Schlaftabletten gesammelt. Versuchte zu verhungern. Wollte Quecksilber aus dem Fieberthermometer schlucken." Irgendwann, "mitten in der Nacht", war das überwunden. "Ich weiß es noch genau: Ich habe eine Orange geschält. Mit dem einzigen Finger, der nicht in Fetzen an meiner Hand gehangen ist. Ich habe gespürt: Ich kann das. Es ist nicht vorbei."

Ab diesem Moment, erzählt der Mann, der nur einen Meter weit sieht, "ging es aufwärts. Mir ist bewusst geworden, was das Leben wert ist." Sport, sagt Hans Ewald Grill, war einer seiner Schlüssel - aber die müsse jeder selbst definieren. "Vermutlich weiß ich vieles mehr zu schätzen als viele Nichtbehinderte."

Das weiterzugeben sieht Grill heute als seine Aufgabe: Während des Schuljahrs findet beim Bundesblindeninstitut jeden Dienstagnachmittag ein Lauftreff des VSK statt. Vor allem Jugendlichen soll der Weg zum Sport erleichtert werden. Grill ist aber Realist: "Nur die wenigsten, die sich als Begleitläufer melden, bleiben uns erhalten." Dabei, betont er, würden Sehende, die das Band um die Hand wickeln, "ja auch profitieren: Soziales Engagement ist keine Einbahnstraße."

Karmapunkte

"Inwiefern?", frage ich Grill, als wir nach ein paar Kilometern umdrehen. Grill spricht von Freundschaften, Horizonterweiterungen und - sinngemäß - vom subjektiv guten Gefühl, Karmapunkte zu sammeln. Und: Er ist zu höflich, mich durch Hinweise auf das Offensichtliche (Erdung, Übung in Demut und Zufriedenheit mit dem eigenen Leben - aber auch das Angebe-Potenzial eines öffentlichen Charity-Auftritts) zu beschämen.

Die Hauptallee ist ein Dorf: Ein entgegenkommender Läufer grüßt, stutzt - und gibt dann "Thumbs up". Er ist nicht der Einzige. Oh nein - ganz im Gegenteil! Klar: Das fühlt sich gut an. Für mich. Aber Grill bekommt es nicht mit: Ob er wisse, wie Läufer, Radfahrer und Spaziergänger reagierten, frage ich ihn. Und stoße - ohne es zu wollen - auf einen der eklatantesten Wahrnehmungsunterschiede: Ich laufe gerade durch ein Spalier aus Lächeln (so viel zum Benefit des "öffentlichen Charity-Auftritts"). Hans Ewald Grill nicht.

Selten, aber eben doch, sagt er, gebe es Radfahrer, die absichtlich knapp ranfahren und dann voll abbremsen. Läufer, die zwischen ihm und seinem Begleitläufer durchwollen. Oder "lustig" gemeinte, aber verletzende Zurufe: Durch die Ein-Meter-Schranke dringt das, was an positivem und aufmunterndem Feedback tatsächlich omnipräsent ist, viel zu oft einfach nicht durch.

Wobei Grill genau zwischen Mitleid und Respekt unterscheidet. Und auch weiß, wer Leistungen unter erschwerten Bedingungen am besten wertzuschätzen weiß: Spitzensportler. Wenn aktive und ehemalige Profis wie Andrea Mayer oder Michael Buchleitner als Begleitläufer auftreten, habe das Breitenwirkung - und gebe den behinderten Läufern "sehr viel".

Der Vienna Night Run

Nicht zuletzt, wenn die Begleitläufer auch noch bei Charity-Events antreten: Der Vienna Night Run etwa ist mit 17.000 Teilnehmern eine der größten Laufveranstaltungen Österreichs. Und einprägsamer als mit Blinden, die mit ihren Begleitläufern hier unterwegs sind, kann man den Zweck jener sechs Euro, die pro Starter für die Entwicklungshilfe-Augenoperationsprogramme der NGO "Licht für die Welt" gespendet werden, kaum demonstrieren.

Unsere kleine Hitzerunde ist fast zu Ende. Grill hat noch etwas für mich: Ein Begleitläufer müsse selbst erleben, wie es ist, blind zu laufen. Grill reicht mir eine Flugzeug-Schlafmaske - und läuft los.

Das Band strafft sich. Die Hauptallee ist gerade und eben. Mein Kopf weiß, dass ich mich auf Grill verlassen kann. Blind. Trotzdem: Mein Körper bockt. Verspannt sich. Aber ich laufe. Ziemlich schnell. Mindestens 300 Meter. Mein Pulsschlag geht hoch. Und dann kann ich nicht mehr: Panik. Jedes Geräusch, die kleinste Unebenheit im Asphalt löst alle Alarmglocken aus.

Ich reiße die Maske vom Gesicht. Drehe mich stolz um. Und werde zur Salzsäule: Ich bin keine 50 Meter weit gekommen. Grill lacht: "Mach dir nix draus, das ist normal. Manchen wird schlecht." Dann tröstet er mich: "Du hast dich gar nicht soooo blöd angestellt." Noch bevor ich höflich "Danke" sagen kann, setzt er nach - und mich fest. Aus diesem (Lauf-)Schuh komme ich so rasch nicht mehr raus: "Wir brauchen Begleitläufer. Nicht nur für den Night Run. Du weißt, was das heißt." (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 24.7.2013)

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