"Ich brauche keine Scheinwerfer und Schulterklopfer"

Interview23. Juli 2013, 00:04
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Nationalspieler und Capitals-Verteidiger Sven Klimbacher über Rollenbilder im Eishockey

Nur sechs Spieler haben seit dem Ligacrash im Jahr 2000 mehr Einsätze in der höchsten österreichischen Liga absolviert als Sven Klimbacher, im Trikot der Vienna Capitals geht der gebürtige Kärntner in seine 15. Profisaison. Große Schlagzeilen hat er in all diesen Jahren nicht gemacht, denn die sind in Österreich für Punktesammler reserviert, fallweise auch für Torhüter. Die Job-Description des 31jährigen lautet jedoch auf Defensivverteidiger, das bedeutet: Wenig Aufmerksamkeit von Medien und Fans, umso höhere Wertschätzung und Anerkennung bei Trainern und Mitspielern.

Im Vorjahr hatte Klimbacher wesentlichen Anteil daran, dass die Capitals den besten Abwehrbeton der Erste Bank Eishockey Liga anrühren konnten, seine Zuverlässigkeit und Konstanz ließen am Ende auch Nationaltrainer Viveiros keine andere Wahl, als ihn nach acht Jahren Abwesenheit wieder in den WM-Kader zu holen. Im derStandard.at-Interview mit Hannes Biedermann spricht der Verteidiger über Rollenbilder im Eishockey, fehlende Eitelkeit und die Zukunft der Liga.

derStandard.at: Seit der Finalserie sind mehr als drei Monate vergangen, welche Erkenntnisse ziehen Sie rückblickend aus diesem 0:4-Sweep gegen den KAC?

Klimbacher: Klagenfurt war einfach besser. Wenn man von vier Endspielen keines gewinnt, hat das nichts mit fehlendem Glück zu tun. In der Analyse mit dem Team und den Trainern haben wir die Heimniederlage in der ersten Partie als den Knackpunkt identifiziert. Kein Tor in 60 Minuten, davon knapp 13 bei numerischer Überlegenheit, da hat das Unheil seinen Lauf genommen.

derStandard.at: Das Fazit zur gesamten Saison fällt aber deutlich besser aus, nehme ich an.

Klimbacher: So ist es. Wir haben den Grunddurchgang gewonnen, lagen nach der Zwischenrunde auf Rang eins, dazu die guten Leistungen in der European Trophy, wo uns und dem Umfeld speziell der Viertelfinalsieg über die Eisbären Berlin einen Boost verliehen hat. Im Vergleich zum Jahr davor war diese Spielzeit ein großer Schritt nach vorne.

derStandard.at: Für Sie persönlich war es die erste Saison bei den Capitals, wie schätzen Sie ihre eigenen Leistungen ein?

Klimbacher: Im Großen und Ganzen recht positiv. Natürlich wäre es schön gewesen, den einen oder anderen Scorerpunkt mehr zu machen, aber für mich war es in meiner Karriere das erste Jahr, in dem ich in einem System agierte, das, wie in Nordamerika üblich, eine sehr strikte Trennung in Defensive und Offensive vorsah, sowohl was Rollenbilder als auch Aufgabenbereiche betrifft.

derStandard.at: In diesem System fällt natürlich eher das Verhindern von Gegentreffern in Ihren Zuständigkeitsbereich.

Klimbacher: Wir haben die wenigsten Gegentore kassiert, unsere Mission war also erfolgreich. Die Grundlagen dafür wurden sicher schon bei der Kaderplanung vor der Saison gelegt, das ist ein Trend, der sich heuer fortzusetzen scheint, wenn man unsere Transferaktivitäten betrachtet. Jeder Spieler im Kader hat eine ganz bestimmte Rolle, in der er besonders gut ist. Diese übernimmt er dann auch innerhalb unseres Teams und aus der Summe der Einzelbegabungen formiert sich eine schlagkräftige Mannschaft mit Spitzenkompetenz in allen Bereichen.

derStandard.at: Sie haben eine so klare Trennung von Aufgabenbereichen zum ersten Mal erlebt. Wie geht man als Spieler mit dieser Situation um, speziell wenn man eine defensive, nach außen hin wenig glamouröse Rolle einnimmt?

Klimbacher: Als ich in Innsbruck unter Vertrag stand (Anm.: 2004 bis 2008), gab es noch weniger Legionäre in der Liga, ich war vierter Verteidiger und spielte auch in Überzahlsituationen. In der abgelaufenen Saison gab es eine, vielleicht zwei Partien, in denen ich auch im Powerplay zum Zug kam. Dieser Unterschied ist schon gravierend, stört mich aber nicht. Mir ist klar, dass ich nicht acht oder zehn Treffer pro Jahr erzielen werde, von daher bin ich in meiner Rolle ganz gut aufgehoben. In numerischer Unterlegenheit ein Gegentor zu verhindern, ein 3-on-5 unbeschadet zu überstehen, daraus kann man auch sehr viel Befriedigung ziehen.

derStandard.at: Das vergangene Spieljahr war Ihr 14. in der höchsten Spielklasse Österreichs. Mir ist aufgefallen, dass Sie in noch nie zuvor so viele Ligaspiele in einer Saison absolviert haben, nämlich 63.

Klimbacher: Das hat auch damit zu tun, dass ich zuletzt in Teams spielte, denen kein großer Erfolg in den Play-Offs beschieden war. Ich erinnere mich, dass ich zwischen 2001 und 2008 kein einziges Meisterschaftsspiel verpasst habe. Gleichzeitig stand ich in der letzten Saison aber auch zum ersten Mal seit 2003 wieder in einer Mannschaft, die zumindest die erste Runde in der Post Season überstanden hat.

derStandard.at: Sie debütierten 1999, im Jahr vor dem Ligacrash, für Ihren Stammverein Villach in der Bundesliga, haben also die gesamte Entwicklung von der Liganeugründung bis zur Gegenwart miterlebt. Welche Trends erkennen Sie über diesen langen Zeitraum hinweg?

Klimbacher: Das Umfeld wurde professioneller, der Organisationsgrad ein höherer. Gleichzeitig ist die Liga heute natürlich auch um ein Vielfaches stärker, es wird deutlich schneller gespielt. Ich persönlich sah mich in meinen Anfangsjahren in Villach immer eher als Nachwuchsakteur, richtig als Profi fühlte ich mich erst nach meinem Wechsel nach Linz 2001. Bei den Black Wings trainierten wir teilweise um sieben Uhr früh oder acht Uhr abends, weil einige Spieler parallel berufstätig waren, das wäre heute unvorstellbar.

derStandard.at: Hat sich diese zunehmende Professionalisierung auch finanziell ausgewirkt, fließt heute monatlich mehr Geld auf Ihr Konto?

Klimbacher: Wenn wir die Entwicklung der Liga vom Crash im Jahr 2000 weg als linear ansteigende Kurve betrachten, was im Großen und Ganzen der Realität entspricht, so verlief meine Gehaltskurve keineswegs parallel dazu. Zwischendurch gab es Saisonen, in denen ich für den sprichwörtlichen Schlapfen gespielt habe, aber wenn man miterleben muss, dass gestandene Kollegen teilweise gar keine Verträge mehr bekommen, muss man froh sein, überhaupt noch einen Job zu haben.

derStandard.at: Wie würden Sie sich als Spielertyp beschreiben?

Klimbacher: Defensivverteidiger, der, ohne es verschreien zu wollen, relativ wenige Fehler macht und immer einhundert Prozent gibt. Mein Stickhandling und die Schusstechnik könnten besser sein.

derStandard.at: Diese Rolle des Stay-at-home-Defenders ist eine in Österreich wenig beachtete. In der kommenden Saison absolvieren Sie bereits Ihr 700. Ligaspiel, die Schlagzeilen gehören aber anderen. Stört Sie das?

Klimbacher: In der öffentlichen oder veröffentlichten Meinung is es sicher so, dass einem nach hinten orientierten Abwehrspieler keine sehr große Aufmerksamkeit zuteil wird. Ehrlich gesagt ist mir das aber nicht sehr wichtig, ich erwarte keine ganzseitigen Zeitungsartikel über mich, die Wertschätzung durch Mitspieler und Trainer zählt da mehr.

derStandard.at: Das klingt nicht sonderlich eitel ...

Klimbacher: Ein Kind vom Land. Ich weiß, was ich bisher erreicht habe, und hoffe, dass noch mehr folgt. Für die berufliche Karriere nach dem Eishockey wäre es vermutlich hilfreich, einen großen Namen zu haben, aber ich brauche keine Scheinwerfer und kein Schulterklopfen, um glücklich zu sein.

derStandard.at: Nach außen hin ist die Rolle eines Defensivverteidigers keine besonders prestigeträchtige, ich würde aber gerne auch noch mehr über das sportliche Selbstverständnis erfahren. Welche Faktoren beeinflussen die Spielweise auf dieser Position besonders stark?

Klimbacher: Ganz grundsätzlich braucht und bekommt ein Abwehrspieler mehr Eiszeit, das Wichtigste ist aber der Wechselrhythmus. Spielen wir, wie es im Vorjahr öfter der Fall war, mit sieben Verteidigern, ist das eher unangenehm: Das Problem ist gar nicht so sehr, dass man stets mit anderen Linienkollegen am Eis steht, sondern die Unregelmäßigkeit der Shifts. Mal spielt man zwei von drei, dann wieder, wenn es etwa ein Powerplay gibt, für vier Wechsel gar nicht. Man verliert den Rhythmus und häufig auch den spielerischen Faden.

derStandard.at: In einem so schnellen, abwechslungsreichen Sport wie Eishockey gibt auch der Gegner den Rhythmus des Spiels vor, bestimmt die Struktur einer Partie mit.

Klimbacher: Zweifelsfrei, ja. In Spielen gegen schwächere Gegner, die oft über vier oder fünf Minuten nicht sonderlich erfolgreich darin sind, einen organisierten Angriff vorzutragen, kommt man rasch außer Tritt. Daher stehe ich am liebsten gegen die stärksten Spieler des anderen Teams am Eis. Das sorgt einerseits für zusätzliche Motivation und andererseits für erhöhte Aufmerksamkeit. Man ist immer voll gefordert und auch unterbewusst reisst kein Schlendrian ein.

derStandard.at: Sie sind heuer nach drei Jahren ohne Länderspiel wieder ins Nationalteam zurückgekehrt, standen erstmals nach acht Jahren wieder im WM-Kader.

Klimbacher: Meine Leistungen in dieser Saison waren recht konstant und stabil, ich durfte Teil der besten Abwehr der Liga sein, da spielt man sich automatisch ins Blickfeld. Vielleicht half es auch, dass einige Kommentatoren und Analytiker sehr positive Einschätzungen zu meinen Performances abgaben. Von medialem Druck zu sprechen, wäre vermutlich übertrieben, aber ich habe durchaus viel Wohlwollen registriert, das war in der Vergangenheit nicht immer so.

derStandard.at: Bei der Weltmeisterschaft in Helsinki waren Sie von neun einberufenen Verteidigern jener mit der geringsten Eiszeit, hatten aber gleichzeitig auch als einziger eine positive Plus/Minus-Bilanz vorzuweisen. Wie fällt das persönliche Fazit aus?

Klimbacher: Es ist eine ganze Weile her, dass ich gegen solche Kaliber spielen durfte. Ich glaube, dass ich ganz zufrieden sein kann: Defensiv stand ich gut, grobe Fehler waren nicht dabei, meinen Job habe ich also erfüllt. Ich war davor lange Jahre nicht im Teamkader, bei B-Weltmeisterschaften konnte ich das auch meist nachvollziehen. Wenn es gegen die Topnationen geht, denke ich aber schon, dass ich als klassischer Defensivverteidiger der Nationalmannschaft helfen kann.

derStandard.at: Wie groß ist die Verärgerung, wenn man zu einer Weltmeisterschaft fährt, dort dann aber die wenigsten Shifts bekommt und überhaupt nur in drei von sieben Spielen im Lineup steht?

Klimbacher: Darüber habe ich gegrübelt, als ich noch jünger war. Heute beeinflusst mich das nicht mehr, ich habe gelernt, gewisse Entscheidungen zu akteptieren. Im September werde ich zum zweiten Mal Vater, ich verbringe meine Freizeit lieber mit der Familie als dass ich mir den Kopf über Dinge zerbreche, die ich nicht beeinflussen kann.

derStandard.at: Nicht mal ein Anflug von Unzufriedenheit?

Klimbacher: Okay, zugegeben: Als der Kader für die Olympia-Qualifikation veröffentlicht wurde und ich nicht dabei war, habe ich mich doch ein wenig geärgert. Da hatte ich mit dem Nationalteam eigentlich abgeschlossen, umso erfreuter war ich dann, als ich im letzten Moment doch noch auf den WM-Zug aufspringen konnte. Ich hoffe, dass ich mich auch zukünftig behaupten kann, im kommenden Jahr zu Olympia zu fahren, wäre großartig.

derStandard.at: Sie sind jetzt 31, abgesehen von den Teilnahme an den Winterspielen, welche anderen sportlichen Ziele möchten Sie noch erreichen?

Klimbacher: Einen Meistertitel zu gewinnen, wäre sehr schön, mein letzter und einziger liegt schon zehn Jahre zurück. Die Stadt Wien wartet schon wieder viel zu lange auf den großen Erfolg, auch der Klub hätte es sich verdient.

derStandard.at: Das klingt nach dem Wunsch einer längerfristigen Zukunft bei den Capitals.

Klimbacher: Aktuell bin ich bis zum Ende der kommenden Saison gebunden, meiner Familie und mir gefällt es in Wien aber ausgesprochen gut. Wenn der Verein mit dem Vorschlag auf mich zukommt, meinen Vertrag zu verlängern, würde ich sehr, sehr gut zuhören. Die Capitals sind toll organisiert, man kann davon ausgehen, dass es in Kagran immer eine Mannschaft geben wird, mit der man etwas gewinnen kann.

derStandard.at: Wir sitzen hier am Flatschacher See, unweit des Hauses, das Sie mit Ihrer Familie in den letzten Jahren gebaut haben. Wäre da nicht auch eine baldige Rückkehr in die Heimat naheliegend?

Klimbacher: Ich habe den VSV vor zwölf Jahren verlassen, zwischendurch gab es immer wieder Gespräche, zuletzt im Vorjahr auch ein konkretes, längerfristiges Angebot. Leider hat das finanziell nicht meinen Vorstellungen entsprochen. Als Häuselbauer muss ich doch auch aufs Geld schauen, obwohl es ohnehin nicht um große Summen geht, sondern eher um eine gewisse Wertschätzung. Meine mittelfristige Zukunft sehe ich also ganz klar in Wien.

derStandard.at: Soviel zu Ihrer persönlichen Zukunft. Welche Entwicklung wünschen Sie sich für das österreichische Eishockey und die EBEL?

Klimbacher: Wir müssen auf einen rot-weiß-roten Weg zurückfinden. Aktuell haben wir einerseits sehr viele Importspieler, andererseits quasi eine geschützte Werkstätte für U24-Akteure, dazwischen entsteht eine sich stetig vergrößernde Lücke. Überspitzt formuliert: Ein 22-Jähriger bekommt einen Vertrag, wenn er geradeaus laufen kann, während ein 25-Jähriger, vielleicht viel talentierterer Spieler zittern muss, irgendwo unterzukommen, da er das Punktekontingent der Klubs belastet.

derStandard.at: Sie plädieren also für Veränderungen am Spielermarkt?

Klimbacher: Die Liga hat sich gut entwickelt und von der internationalen Öffnung sehr profitiert. Von der Vorstellung, eine rein aus heimischen Klubs bestehende Meisterschaft auszuspielen, muss man sich verabschieden. Aber wir haben jetzt acht österreichische Teams in der Liga, dort müssen wieder mehr Plätze für nationale Spieler geschaffen werden.

derStandard.at: Das bedeutet im Umkehrschluss eine Limitierung der Anzahl an Legionären?

Klimbacher: Ja, zumindest schrittweise. Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen können wir natürlich nicht auf vier Imports pro Klub runtergehen, wie es in der Schweiz der Fall ist. Aber wir müssen in erster Linie den Nachwuchs besser ausbilden und ihm dann auch die Möglichkeit geben, den Sprung in die EBEL zu schaffen und Eiszeit zu bekommen. ÖEHV-Sportdirektor Alpo Suhonen hat da einen recht vielversprechenden Weg eingeschlagen, wie ich finde. Ob und wie die Vereine da mitziehen, wird sich freilich erst zeigen. (Hannes Biedermann, derStandard.at, 23.7.2013)

Sven Klimbacher (31) geht im Herbst im Trikot der Vienna Capitals in seine 15. Saison in der höchsten österreichischen Spielklasse, in der er bisher 666 Spiele absolvierte (173 Scorerpunkte, +98). Zuletzt stand der bald zweifache Familienvater nach acht Jahren Pause auch wieder im WM-Kader der österreichischen Nationalmannschaft.

  • Im Sommer, wenn Stöcke gegen Golfschläger eingetauscht werden, bittet derStandard.at Akteure aus der Eishockeyszene im Rahmen der Sommergespräche zu ausführlichen Interviews.

    Im Sommer, wenn Stöcke gegen Golfschläger eingetauscht werden, bittet derStandard.at Akteure aus der Eishockeyszene im Rahmen der Sommergespräche zu ausführlichen Interviews.

  • Sommertraining auf der Baustelle: Sven Klimbacher im Garten seines neuen Eigenheims unweit dem Flatschacher See in Kärnten.
    foto: derstandard.at/hannes biedermann

    Sommertraining auf der Baustelle: Sven Klimbacher im Garten seines neuen Eigenheims unweit dem Flatschacher See in Kärnten.

  • Stark im Zweikampf und defensiv zuverlässig: Jede seiner letzten fünf Saisonen beendete der Verteidiger mit einer positiven Plus/Minus-Bilanz.
    foto: gepa/redbull/roittner

    Stark im Zweikampf und defensiv zuverlässig: Jede seiner letzten fünf Saisonen beendete der Verteidiger mit einer positiven Plus/Minus-Bilanz.

  • Karriereziel Sotschi: Nach drei A-WM-Teilnahmen hofft der 31-Jährige, auch bei den Olympischen Spielen 2014 im Kader des Nationalteams zu stehen.
    foto: epa/kubani

    Karriereziel Sotschi: Nach drei A-WM-Teilnahmen hofft der 31-Jährige, auch bei den Olympischen Spielen 2014 im Kader des Nationalteams zu stehen.

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