Eine Eiche steht Serbiens starkem Mann im Weg

22. Juli 2013, 19:35
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An dem Baum, der einer Autobahn weichen soll, hat sich eine Debatte über serbisches Selbstverständnis, die aktuelle Politik und deren Vertreter entzündet

Alles begann wie eine Sommergeschichte. Serbische Medien berichteten, zunächst eher zurückhaltend, von einer wunderschönen, uralten Eiche, die leider Gottes gefällt werden müsse, weil sie sich mitten auf der Trasse einer Autobahn befinde. Es handle sich um den Korridor 11, erfuhr man, der von Zentralserbien zur montenegrinischen Küste führt. Die umstrittene Eiche befinde sich bei dem Dorf Savinac, rund 100 Kilometer von Belgrad entfernt. Das Geld für die Trasse habe Serbien von Aserbaidschan bekommen, serbische Baufirmen seien mit den Bauarbeiten beauftragt.

Doch als sich vor drei Wochen Bagger und anderes schweres Gerät der Eiche nährten, wurde sie plötzlich zum Politikum. Da war sie auf einmal in ihrer ganzen Pracht in allen Medien, mit einem acht Meter breiten Stamm und Ästen von 40 Metern Reichweite. Die für das Projekt zuständigen Ingenieure hatten sie vergessen oder schlicht ignoriert.

Unterstützung vom Gezi-Park

Da schrien die sonst unauffälligen serbischen Grünen auf: Lasst die Eiche in Ruhe! Die Autobahn muss einen Umweg machen! In Eiche we trust! In wenigen Tagen unterzeichneten mehr als 10.000 Menschen eine Petition für die Bewahrung der angeblich sechs Jahrhunderte alten Eiche. Man organisierte Rockkonzerte rund um den Baum und Wachen, man appellierte an die Welt. Unterstützung kam von den europäischen Grünen und von den Gezi-Park-Aktivisten in der Türkei.

Da erwachten auch die Einheimischen. Legenden wurden erzählt, wie serbische Volkshelden unter der Eiche einschliefen und von einem Sieg gegen die Türken träumten. Man sprach vom "Fluch der Eiche": Wer sie nur anrühre, werde eines fürchterlichen Todes sterben. Einige Bauarbeiter wichen zurück. Sicher ist sicher.

Der Minister für Raumordnung und Bauwesen, Velimir Ilić, legte einen unverständlichen, unglaubwürdigen, hoch komplizierten Plan dar, wie man durch Balken, Glas, künstliche Bewässerung usw. die Eiche mitten auf der Autobahn erhalten wolle.

Da hatte der starke Mann Serbiens, Aleksandar Vučić, endlich genug. Diese Eiche werde die Modernisierung des Landes wohl nicht aufhalten, rief der Vizepremier, Verteidigungsminister, Koordinator aller Geheimdienste und Chef der Serbischen Fortschrittspartei (SNS). "Wenn ich zwischen der Autobahn und der Eiche wählen muss, wähle ich die Autobahn", urteilte Vučić, dessen Wille fast schon Gesetz ist.

"Provinzmentalität ablegen"

Sollten noch Dutzende Menschen auf der unsicheren Landstraße sterben, weil der Bau der Autobahn verzögert wird, Serbien weitere zig Millionen Euro für ein neues Bauprojekt hinblättern, fragte er und stellte fest: "Serbien muss sich endlich von seiner Provinzmentalität befreien." Vučić hat das Image eines Mannes aufgebaut, der gegen die Korruption kämpft und die Schurken hinter Gitter bringt, der Serbien geradewegs nach Europa führen, reformieren, modernisieren, umstrukturieren will, und wehe, jemand stellt sich ihm in den Weg. Und sei es eine Eiche.

Da platzte aber auch Belgrader Intellektuellen der Kragen. Der junge Mann, der als Ultranationalist für Großserbien kämpfte, bevor er vor wenigen Jahren die europäische Erleuchtung erlebte, habe da so einiges durcheinandergebracht, konnte man hören. So sei es eben mit Konvertiten, schrieb der bekannte Kolumnist Teofil Pančić. Jemand, der schon immer für Europa und Modernisierung war, hätte sicher eher Mitleid mit der Eiche als Vučić, der zu den Kriegen, der Isolation, dem Rückstand Serbiens beigetragen habe und nun glaube, alles schleunigst nachholen zu müssen. Außerdem glaube Vučić, sich keinen Präzedenzfall leisten zu können, meint Pančić: Seine Autorität würde leiden, wiche er vor einer Eiche zurück.

Andere schrieben von der "übernommenen Ideologie des bürgerlichen Serbien und der verbliebenen Methodologie der einstigen radikalen Ultranationalisten": Alles, was sich uns in den Weg stellt, muss gefällt werden.

Nein, die Eiche wird kein serbischer Gezi-Park. Und nein, was die Modernisierung angeht, ist Vučić sicher kein serbischer Kemal Pascha. Oder, wie Pančić schreibt: Wie die Türken, so ihr Atatürk. (Andrej Ivanji, DER STANDARD, 23.7.2013)

  • Noch steht sie: Die angeblich jahrhundertealte Eiche auf der Autobahntrasse zwischen Zentralserbien und Montenegro. 
    foto: standard/mirko rudić

    Noch steht sie: Die angeblich jahrhundertealte Eiche auf der Autobahntrasse zwischen Zentralserbien und Montenegro. 

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