Weshalb Hiddink bei Anschi aufgibt

22. Juli 2013, 19:25
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Niederländischer Coach lässt nach eineinhalb Jahren den Nordkaukasus hinter sich

Mit einem Schubser hat sich Guus Hiddink vom russischen Fußball verabschiedet. Weil er mit dem Elferpfiff gegen sein Team nicht einverstanden war, stieß der Niederländer am zweiten Spieltag der russischen Premier-Liga den vierten Offiziellen um und wurde für sechs Spiele gesperrt. Kurz darauf erklärt er seinen Rücktritt als Trainer von Anschi Machatschkala.

Hiddink ist in Russland so etwas wie ein Nationalheld. 2008, als er die Sbornaja überraschend ins Halbfinale der Europameisterschaft führte und dabei im Viertelfinale seine Landsleute, die Holländer, mit einem 3:1 nach Verlängerung aus dem Turnier warf, feierten die Russen den Erfolg wohl euphorischer als den Gewinn einer weiteren Eishockey-WM. Selbst die deutliche 0:3-Schlappe im Wiener Ernst-Happel-Stadion gegen den späteren Europameister Spanien konnte die Aufbruchstimmung nicht trüben.

Zwar kratzte die verpasste Fußball-WM 2010 ein wenig am Heldenstatus Hiddinks, doch während die Fußballfunktionäre erzürnt waren, verziehen die Fans Hiddink die Pleite eher als den eigenen Nationalspielern um den divenhaften Andrej Arschawin.

Und so startete Hiddink im Februar 2012 sein wohl größtes Abenteuer als Fußballlehrer. Er heuerte beim Kaukasus-Klub Anschi Machatschkala an. Durch große Fußball-Tradition zeichnet sich Anschi nicht aus, dafür besitzt der Klub einen Mäzen, welcher ähnlich reich ist wie Chelseas Besitzer Roman Abramowitsch, der davor Hiddinks Gehaltsscheck unterzeichnete.

Spielzeug für Milliardäre 

Multimilliardär Sulejman Kerimow stammt aus Dagestan und hat sein Geld in Moskau gemacht – mit Banken, Öl und Aktien. Der 47-Jährige entspricht voll und ganz dem Stereotyp des kaukasischen Playboys. Er hat eine Vorliebe für schöne Frauen, schnelle Autos und das runde Leder. Die Neigung zu den ersteren beiden hätte den Geschäftsmann und Politiker (Kerimow ist Senator im russischen Föderationsrat) beinahe ins Grab gebracht. Als er 2006 seinen Ferrari in Nizza an einem Baum zerschrottete, soll er Medienberichten nach in Begleitung einer populären russischen TV-Moderatorin gewesen sein. Die Moderatorin kam bei dem Unfall mit dem Schrecken davon, der Milliardär mit lebensgefährlichen Brandwunden. 

Daraufhin verlegte sich Kerimow auf den Fußball. Das ist zwar ähnlich teuer, aber ungefährlicher. Für sein neues Spielzeug Anschi kaufte er Fußballgrößen wie Roberto Carlos und Samuel Eto’o, und als der Verein auch danach nicht zur Perle wurde (obwohl Anschi in der Übersetzung eben jenes heißt), vergoldete er sein Star-Ensemble mit einem Star-Trainer, mit Guus Hiddink. Gerüchten zufolge verdiente der Coach zehn Millionen Euro pro Saison und wäre damit – dank des geringen russischen Steuersatzes – der wohl bestverdienende Trainer der Welt.

In seiner ersten Saison schaffte Hiddink mit Anschi immerhin den dritten Platz – hinter dem Moskauer ZSKA und Gasprom-Klub Zenit St. Petersburg. Auch im Europapokal konnte Anschi Achtungserfolge verbuchen. Auf dem Weg ins Achtelfinale der Europaliga schaltete das Team unter anderem Hannover 96 aus.

Doch Hiddink wirkte zunehmend frustriert. Die Erwartungen der Vereinsführung waren angesichts eines Etats in Höhe von etwa 140 Millionen Euro riesig, die Anzahl echter Fans eher gering. Auch Erfolge wurden zuletzt rar. Schon im Saisonendspurt ging Anschi der Atem aus. Der Start ins neue Jahr verlief für den als Favorit gestarteten Klub mit einem Punkt aus zwei Spielen ebenfalls unglücklich. 

Und so ist Hiddinks Rücktritt auch eine Flucht vor Reibereien innerhalb des Vereins und ständiger Anfeindungen gegnerischer Fans, für die Anschi das neue Feindbild ist. In Vergessenheit wird Guus in Russland aber nicht so bald geraten. Schon weil seit dem Sommer 2008 eine ganze Reihe russischer Kinder auf seinen Namen hört. (André Ballin, DER STANDARD - 24.7. 2013)

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    Guus Hiddink (66) hatte eher keinen Traumjob.

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