Unerwünschte "Hommage" an einen Star

22. Juli 2013, 19:19
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Grégoire Delacourt fantasiert im Roman "Was man als Erstes anschaut" über Scarlett Johansson - Sie mag das nicht

Es ist, als hätte sich der Glamour von Hollywood in die tiefste französische Provinz verirrt. Arthur, Mechaniker in der Picardie, öffnet in Unterhemd und Schlümpfe-Socken die Tür. "Vor ihm stand Scarlett Johansson." Das behauptet zumindest die Dame. Sie sucht Unterschlupf, will ein paar Tage von der Bildfläche verschwinden. Nach nicht allzu langem Zögern bittet sie Arthur rein.

So beginnt der Roman Was man als Erstes anschaut des französischen Bestsellerautors Grégoire Delacourt, der im Deutschen - und in 46 anderen Sprachen - schon mit Alle meine Wünsche aufgefallen ist. Sein neuester Wurf wird von der Kritik zum Teil als "Sirup" (so Le Monde) zerrissen, hat sich aber in wenigen Wochen bereits 100.000-mal verkauft. Nach sechzig Seiten erfahren die Leser, was sie geahnt haben: Scarlett heißt nicht Scarlett, sondern Jeanine. Die Doppelgängerin des Hollywoodstars schlägt sich in Wahrheit als Animatorin auf Hochzeiten und in Supermärkten durch.

Arthur spürt bald die, wie es in dem Buch heißt, "Porzellanrisse" einer schweren Kindheit - Missbrauch durch den Vater, Säuglingstod, wahnsinnige Mutter. Nichts ist Jeanine erspart geblieben, und gerne erwidert sie die Gefühle, die Arthur für sie zu entwickeln beginnt. Die Äußerlichkeiten und damit auch die Mechanikerfantasien großbusiger Frauen verschwinden langsam zugunsten von Einsichten über die Dramen des Lebens, die in die Liebe münden.

"Sie gingen langsam nebeneinander her und schwankten ein wenig wegen ihres Größenunterschiedes, aber auch, weil es nie leicht ist, zu Beginn einer Liebesgeschichte perfekt synchronisiert zu sein", schreibt Delacourt. Zunehmend weicht die Projektion der echten Person.

Delacourt erklärte im Figaro, er hätte Johansson nach seiner "Hommage" gerne zu einem Kaffee getroffen, doch stattdessen reichten ihre Anwälte Klage gegen den Verlag JC Lattès ein. Sie verlangen Wiedergutmachung für "Verletzung und betrügerische Ausbeutung der Personenrechte" und wollen jede filmische Umsetzung verbieten lassen. Der Kinostar geht nicht zum ersten Mal gegen die fremdbestimmte Verwendung ihres Namens vor.

Die 32-jährige Amerikanerin schützt ihn umso rigoroser, als sie mit Kosmetik- und Modefirmen millionenschwere Werbeaufträge eingegangen ist. In ihrem Film The Island gibt es sogar eine Reklame ihres Hauptkunden Calvin Klein.

Delacourt hält die Klage für absurd: Eine Verurteilung würde jede Nennung berühmter Personen in der Literatur untersagen, argumentiert er. In seinem Roman kommen auch andere VIP-Namen wie Ryan Gosling, Angelina Jolie oder Gene Hackman vor; und Ex-Werber Delacourt scheut sich nicht, selbst die Marke der benützten Zahnpasta anzugeben.

So sei nun einmal der Zeitgeist, meint er: "Das entspricht den Fantasien unserer Epoche; all diese berühmten Leute leben mit uns. Scarlett Johansson ist eine öffentliche Person, sie tritt in den Medien auf." Vielleicht schon. Aber sie will selbst bestimmen, wo. (Stefan Brändle, DER STANDARD, 23.7.2013)

  • Unfreiwillige Romanfigur: Scarlett Johansson.
    foto: ap/charles sykes

    Unfreiwillige Romanfigur: Scarlett Johansson.

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