"Die Akte Grant / The Company You Keep": Wiederbegegnung mit den Idealen von einst

22. Juli 2013, 17:10
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In seiner neunten Regiearbeit "Die Akte Grant / The Company You Keep" beschäftigt sich US-Star Robert Redford in Form eines Politthrillers mit einem wenig thematisierten Stück US-Geschichte

Wien - Die Recherchen eines ambitionierten jungen Journalisten (Shia LaBeouf) reißen einen angesehenen Bürgeranwalt aus seinem unauffälligen Alltag im amerikanischen Hinterland: Jim Grant (Robert Redford) setzt sich mit seiner kleinen Tochter nächtens ab. Wenn er seine Unschuld in einem Jahrzehnte zurückliegenden Fall beweisen will, dann muss er zuerst seine ebenfalls untergetauchten ehemaligen Mitstreiter ausfindig machen. Seine Flucht durch die USA wird auch zu einer Reise in die Vergangenheit.

Die Akte Grant / The Company You Keep heißt die neunte, vergangenen September außer Konkurrenz in Venedig uraufgeführte Regiearbeit von Robert Redford. Der 1936 geborene US-Schauspieler trat ab 1960 zuerst in TV-Serien auf, bevor er in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts mit einer Reihe von Filmen - The Chase, Barfuß im Park, Butch Cassidy & The Sundance Kid u. a. - seinen Erfolg in (New) Hollywood begründete. Als Produzent und Regisseur setzte er sich immer wieder mit der politischen Geschichte der USA auseinander. Dass Shia LaBeouf in seiner grünen Reporterjacke jetzt ein bisschen an Dustin Hoffman in All the President's Men erinnert, könnte man auch für eine kleine Selbstreferenz Redfords halten, des damaligen Co-Stars und Produzenten des Thrillers um die Watergate-Aufdecker.

Nach der Lincoln Verschwörung (2010) hat sich Redford mit The Company You Keep nun einem jüngeren Kapitel gewaltsamen politischen Kampfes auf US-Boden zugewandt: Im Gefolge des studentischen Anti-Vietnam-Engagements (zeitgleich zu Redfords Karrierestart) spalteten sich Ende der 1960er junge Männer und Frauen von den "Students for a Democratic Society" ab und gingen als "Weathermen" in den Untergrund. Sie verübten während der 1970er-Jahre zahlreiche Anschläge gegen staatliche Einrichtungen. Heute haben sich viele maßgebliche Mitglieder, teils nach Verbüßung von Haftstrafen, längst ins zivilgesellschaftliche Leben reintegriert.

Abgesehen von Dokumentarfilmen hat dieser Teil der US-Geschichte kaum Eingang ins Kino gefunden. Eine Ausnahme ist Sidney Lumets Running On Empty (1988). Mit diesem immer noch wirkungsvollen Drama über eine Familie im Untergrund teilt The Company You Keep einen Punkt: nämlich jenen, wonach auch politische Überzeugungen und Entscheidungen durch Elternschaft und die Bedürfnisse des eigenen Nachwuchses herausgefordert werden.

Auch der als Terrorist gesuchte Anwalt Grant, Witwer und später Vater einer Elfjährigen, will sich primär deshalb rehabilitieren, damit sein einziges Kind nicht ohne ihn aufwachsen muss. Während Lumet seine verwandte Geschichte in Form eines schlüssigen Melodrams behandelt, hat sich Redford für einen Thriller entschieden. In der ersten Hälfte bringt dies entsprechende Dynamik und Spannung in die Erzählung (sie basiert auf einem Roman von Neil Gordon). Die analogen Täuschungsmanöver der alten Stadtguerilla funktionieren auch im digitalen Überwachungszeitalter noch. Mit der Zeit stehen die dramaturgischen Erfordernisse des Genres einer profunden Auslotung des Stoffes eher im Wege.

Haltung zur Vergangenheit

Nichtsdestotrotz ist es beachtlich, dass Redford sich heute überhaupt für dieses Reizthema entschieden hat - und die Veteranen unterschiedliche und teils auch affirmative Haltungen zur Vergangenheit und den einstigen Idealen einnehmen lässt ("Wir haben Fehler gemacht, aber wir hatten Recht"). Zumindest in groben Strichen werden so Motive, Biografien evoziert. Das ist etwas, das der Darstellung der Jüngeren, zumal Grants Antagonisten, dem Journalisten, abgeht.

Man könnte auch sagen, in The Company You Keep beschäftigt sich die Generation der in die Jahre gekommenen 68er mit sich selbst - und weil diese von Kalibern wie Julie Christie, Susan Sarandon, Nick Nolte u. v. a verkörpert wird, sieht man ihr dabei auch noch gerne zu. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 23.7.2013) 

Ab 26.7.

  • Robert Redford inszeniert sich in seinem Thriller "The Company You Keep" selbst - als ein ehemaliges Mitglied der "Weathermen", das nach den alten Mitsreitern sucht. 
    foto: concorde

    Robert Redford inszeniert sich in seinem Thriller "The Company You Keep" selbst - als ein ehemaliges Mitglied der "Weathermen", das nach den alten Mitsreitern sucht. 

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