Auf dem Laufsteg durch die Kunstgeschichte

22. Juli 2013, 17:21
posten

Der New Yorker Choreograf Trajal Harrell bekennt sich bei Impulstanz zu Pathos und Narzissmus

Wien - Daran, dass sich der Sinn seines Stücks mit dem üppigen Titel Judson Church Is Ringing in Harlem (Made-to-Measure) Twenty Looks or Paris Is Burning at the Judson Church (M2M) einem normalen europäischen Publikum erschließt, glaubte sein Choreograf Trajal Harrell selbst nicht. Daher schickte der US-Amerikaner vor der Aufführung bei Impulstanz im Odeon einen seiner Tänzer mit einer Erklärung vor.

(M2M) ist das letzte Stück aus einer sechsteiligen Serie, in der es um Folgendes geht: Während die Avantgarde des postmodernen Tanzes zu Beginn der 1960er-Jahre in der Judson Church, Greenwich Village / New York City, die Weichen der Choreografie neu stellte, gab es im Stadtteil Harlem eine Ballroom-Szene, in der das Voguing erfunden wurde und die weithin unbeachtet blieb.

Das fand Harrell ungerecht. Daher erfand er eine alternative Geschichte, in der diese beiden Szenen zusammenfinden. Im sozialen Kontext der New Yorker Sixties macht das auch Sinn. Der schwarze Bevölkerungsteil in Harlem litt unter Diskriminierung, und die Avantgarde war "weiß". Höchste Zeit also, da nach so vielen Jahren einmal nachzufragen.

Noch eine Erklärung: Paris Is Burning ist eine Filmdokumentation von 1990, in der die New Yorker Ballroom-Kultur mit ihren afroamerikanischen, schwulen und Transgender-Gemeinschaften dargestellt wurde. Darin spielte der Voguing-Tanz mit seinen Mode-, Drag- und Catwalk-Elementen eine wichtige Rolle. Jetzt ist er auch in der zunehmend an queerer Ästhetik interessierten Tanzszene en vogue.

Bei den Stücken seiner Serie hat Harrell so viel Spaß an seiner Selbstdarstellung, dass er darin die von ihm angezapften politischen Zusammenhänge nicht mehr unterbringt. Offenbar ist das von ihm bevorzugte Showformat dafür ungeeignet. Eine bessere Wahl wäre die Form der Doku-Performance gewesen.

In (M2M) sitzen und tanzen drei Männer in hübschen schwarzen Kleidern. Sie stellen sich vor, sie würden den Avantgardisten in der Judson Church zeigen, wie wahre Kunst ist: expressiv, pathetisch und narzisstisch nämlich.

"Conceptual dance is over", singt Trajal Harrell erfreut gegen Ende des aus exzessiven Wiederholungen gebauten Stücks. Das zeugt von Selbstironie. Denn alle Teile seiner Twenty Looks-Serie sind selbst Adaptionen von konzeptuellem Tanz. Sogar das Voguing an sich ist eine konzeptuelle Übernahme der traditionellen Laufsteg-Model-Performances.

In seinem neuesten Projekt, dessen erster Teil bereits im New Yorker Museum of Modern Art zu sehen war, lässt Harrell übrigens das Voguing gegen den japanischen Butô-Tanz und dessen Verhältnis zum Atombombenangriff auf Hiroshima antreten.

Was die New York Times zu der Bemerkung veranlasste: "This might be enough to keep Mr. Harrell busy for a long time." (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 23.7.2013)

T. Harrell, "Antigone Sr.", 25. 7.

  • Trajal Harrells "Judson Church is Ringing in Harlem (Made-to-Measure) / Twenty Looks or Paris is Burning at The Judson Church (M2M)".
    foto: miana jun

    Trajal Harrells "Judson Church is Ringing in Harlem (Made-to-Measure) / Twenty Looks or Paris is Burning at The Judson Church (M2M)".

Share if you care.