Warum böse Postings in Foren gut sind

Leserkommentar22. Juli 2013, 16:11
203 Postings

Über das Dampfablassen in Kommentaren und die Konsequenzen

Wie sehr ich auch die Erfahrungen von Julya Rabinowich im Foren-Universum teile, da ich ähnliche gemacht habe, sowohl als Blogger und Verfasser von Kommentaren (der anderen) wie auch als anonymer Poster, muss ich ihr in einem entscheidenden Punkt energisch widersprechen. Ich zitiere:

"Boshaftigkeit ist ansteckend. Hass ist ansteckend. Diesen darf man keinen öffentlichen Raum bieten ... Und genau hier beginnt die Verantwortung der Forumsbetreiber, der Moderatoren oder besser: der Ab-und-zu-Moderatoren ..."

Nehmen wir an, die von ihr geforderte "Verantwortung der Forumsbetreiber" würde in der Art wahrgenommen, wie sie es fordert, und plötzlich wäre das STANDARD-Forum frei von Hass. Wäre damit der Hass selbst auch aus der Welt geschafft? Ich erinnere, manche haben in der Schule offensichtlich nicht aufgepasst und verwechseln Descartes' "Ich denke, also bin ich" mit "Ich hasse, also bin ich". Ich gebe auch gleich die Antwort: Nein, der Hass würde dahin verschwinden beziehungsweise verdrängt werden, wo er schon war, bevor Freud in Erscheinung trat, ins Unbewusste, und somit wieder Nährboden und Kompost werden für die Erzeugung von Neurosen.

Plattform entziehen ist nicht die Lösung

Damit würden wir ja die Freud'schen Errungenschaften rückgängig machen, denn nicht nur für das Individuum ist es heilsam, sich seiner Neurosen bewusst zu werden, was immer mit Wahrnehmen und Aussprechen, Schreiben, Tanzen, Malen et cetera zu tun hat. Dasselbe gilt für die gesamte Gesellschaft. Entziehen wir den Hass-Postern und -Posterinnen ihre Plattform, werden sie in den Untergrund gedrängt. Da man davon ausgehen kann, dass sie nicht aufhören werden zu hassen, werden sie sich andere Kanäle suchen und wohl auch finden.

Mich persönlich beunruhigen sehr viel mehr die verschlüsselten Kommunikationskanäle des "Darknet" als diese lächerlichen Herummeckereien, die doch eh immer derselben Dramaturgie folgen - "Wer ist das überhaupt, dieser Schreiberling, so ein Würschtl, wieso darf der, und ich darf nicht" -, und dann die gegenseitigen Be-Flegeleien, bei denen ich jedoch ständig das Gefühl habe, dass man sich bei all der Grobheiten dennoch wertschätzt, weil man ja voneinander abhängig ist. Was ist das Schlimmste, das man einem/einer "HasserIn" antun kann? Ihm/ihr das Subjekt/Objekt seines/ihres Hasses entziehen, denn damit wird ihm/ihr die Grundlage seines/ihres Seins, seiner/ihrer Existenz entzogen.

Wenn nun diese "Hass-Kultur" in einen Bereich migriert, der sich unserer Wahrnehmung entzieht, geben wir damit auch die Kontrolle über diesen Bereich ab. Mit Kontrolle meine ich nicht, wie die Inquisition über jegliche Anzeichen von Häresie zu wachen, denn wer bestimmt, was "korrekt" ist und was nicht? Was durch das Gesetz geregelt ist, darüber braucht man nicht zu diskutieren, das muss nur in aller Entschiedenheit exekutiert werden.

Je heftiger, desto lustiger

Was im Rahmen des Gesetzes erlaubt ist, muss auch erlaubt bleiben. Ich fordere für alle Poster dieselben Rechte, wie sie für uns Künstler gelten, das Recht auf Übertreibung, Polarisierung, Provokation, Ironie, Sarkasmus ... Wenn ich persönlich einen Kommentar verfasst habe, freue ich mich immer über die ganz besonders "bösen, gemeinen und unfairen" Postings, denn dann habe ich den für mich richtigen Ton getroffen in meiner Funktion als selbst ernannter Pamphletist.

Ich sehe das Pamphlet als geeignete Form, eine Interaktion anzuregen, Widerspruch zu ermöglichen, ja zu fördern. Hier geht es nicht darum, wohlgeformte Sätze zu veröffentlichen, die sogar die Jury des Bachmann-Wettbewerbes zum Verstummen bringen würde (was ja längst fällig und überhaupt super wäre!). Nein, hier geht es um Rede und Gegenrede, je mehr, desto besser, je heftiger, desto lustiger.

Die Dünnhäutigkeit vieler KünstlerInnen, die zwar ordentlich austeilen, aber im "Nehmen" eher schwach auf der Brust sind, find ich verzichtbar und in gewisser Weise auch arrogant im Sinne von "Lass es dir gesagt sein, wertes Volk" und "Wenn es schon unbedingt sein muss, dass du mir widersprichst, dann sei zumindest nicht so gemein zu mir, denn ich bin ja eine so schrecklich empfindsame Künsterlnnen-Seele". So hätten es manche wohl gerne, aber so ist es nicht. Der wahre Champion zeichnet sich durch seine Nehmerqualitäten aus.

Gefährlich wird es, wenn die Leute aufhören zu reden

Lassen wir doch die Hass-Poster und -Posterinnen leben, beobachten wir aufmerksam, was die Themen und Trends sind, wenden wir gesetzliche Maßnahmen an, wenn es angebracht ist, und erhalten wir die Plattformen, wo es eine wie auch immer geartete Kommunikation zwischen Teilen der Gesellschaft gibt, die sich im "Real Life" wohl eher selten begegnen. Denn gefährlich wird es immer dann, wenn die Leute aufhören, miteinander zu reden. (Klaus Karlbauer, Leserkommentar, derStandard.at, 22.7.2013)

Share if you care.