Wo das Kopiergerät zur Todesmaschine wird

22. Juli 2013, 17:00
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Raub und Wiederkäuen bei Wim Vandekeybus

Was aus dem Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit wird, das hat Walter Benjamin in seiner gleichnamigen Abhandlung bereits hinreichend und wegweisend erläutert. Was aus lebendigen Momenten im Zeitalter allgegenwärtigen medialen Wiederkäuens in Form digitaler Fotografie wird, zeigt Choreograf Wim Vandekeybus in booty Looting.

In gewohnt rasantem Vandekeybus-Tempo verhandeln vier Performer, Forced-Entertainment-Darsteller Jerry Killick und Schauspielerin Birgit Walter Fragen nach Raub und Kopie. Denn "booty looting" heißt so viel wie "Plündern von Beute" - also der Raub des bereits Geraubten.

Es geht hier gegen jene Medien, die in der Gier auf steigende, wenn auch immer kurzfristigere Aufmerksamkeit Bilder und Momente der Wirklichkeit so lange plündern und aushöhlen, bis sie nur noch eine leere Hülle sind. Daneben stellt sich die Frage, ob es so etwas wie ein Original überhaupt noch gibt. Und wenn ja, wem es gehört. Zumindest auf der Bühne wird der originäre Moment auf jeden Fall postwendend zerstört und vermittelt - wie es sich in einer Mediengesellschaft eben gehört: Fotograf Danny Willems gibt den Paparazzo, bannt alles Geschehen auf Fotos und projiziert diese auch gleich live.

Jerry Killick verwandelt sich vorübergehend in Joseph Beuys und reenacted dessen kurzzeitige Wohngemeinschaft mit Kojoten in I Like America and America Likes Me. Daneben spielt ein Kopiergerät eine nicht unwesentliche Rolle im Bühnengeschehen: Birgit Walter wird mit dessen Hilfe in der wieder und wieder und wieder erzählten Rolle der Medea ihre Söhne töten. Sie werden von ihr totkopiert.

Die Analogie ist deutlich: Auch lebendige Momente werden schließlich mittels Fotografie zu toter Materie verarbeitet und kursieren dank digitaler Verbreitungskanäle als Karteileichen der Erinnerung. Was dagegen hilft: den Moment leben. Ohne Foto. (Andrea Heinz, Spezial, DER STANDARD, 23.7.2013)

"booty Looting", Akademietheater, 24., 26. und 27. Juli, 21.00

Dieser Artikel entstand mit finanzieller Unterstützung von ImPulsTanz. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Lang bleibt dieser schöne Moment in "booty Looting" nicht für sich - hier wird geraubt, was nur geht.
    foto: danny willems

    Lang bleibt dieser schöne Moment in "booty Looting" nicht für sich - hier wird geraubt, was nur geht.

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