Exzesse einer tanzenden Apotheke

22. Juli 2013, 17:00
posten

It's showtime, folks! - Wie François Chaignaud, Cecilia Bengolea, Trajal Harrell, Ivo Dimchev und Antony Rizzi diesen Planeten bei Impulstanz mit einer strahlenden queeren Seite versorgen

Eine fantastische Welt haben der Franzose François Chaignaud und die Argentinierin Cecilia Bengolea in den bisher acht Jahren ihrer Zusammenarbeit aufgebaut. Das in Paris lebende Choreografenduo überrascht sein Wiener Publikum seit 2009 bei Image- und Impulstanz mit schillernden Auftritten in Stücken wie Pâquerette, Sylphides, Castor et Pollux und zuletzt Danses Libres sowie (M)imosa, ihrer Kooperation mit Trajal Harrell und Marlene M. Freitas.

In ihrem neuen Stück, dem Quintett altered natives' Say Yes To Another Excess - Twerk, das am 30. 7. und 1. 8. in der MQ Halle G zu sehen ist, tauchen die beiden Shootingstars in die angloamerikanische Clubszene ein. Auch hier bestechen sie durch ausufernde, bunte Kostümierungen, queere Ästhetik und ein blendendes Musikprogramm, diesmal von den Londoner DJs Elijah & Skilliam. Der Tanz orientiert sich an Stilen wie Krumping, Grinding und - siehe Titel - Twerking: Bewegung als Exzess, Tanz als Selbstbehauptung in einem Paralleluniversum zu unserer enttäuschenden Realität.

Außerdem kommt Chaignaud, der mit Marie-Caroline Hominal bei Impulstanz 2012 als Duchesses im Belvedere-Garten tanzte, jetzt mit einem eigenen Solo ins Volkstheater (Bühnenraum, 27. 7.): Dumy Moyi. In einem ausladenden Kostüm, wie bei den indischen Teyyam-Tänzen gebräuchlich, serviert er an diesem Tag viermal Gesang und Tanz und Spirituosen.

Viele meinen, (M)imosa, einer der sechs Teile von Trajal Harrells Projekt Twenty Looks or Paris Is Burning at the Judson Church, das diesmal im Festival zur Gänze zu sehen ist, wäre der gelungenste. Andere wiederum sind von Antigone Sr. überzeugt, einem Quintett, das am 25. 7. im Volkstheater zu erleben ist. Hier wird Sophokles ins Voguing eingeführt und der Avantgarde eine Drag-Spritze verpasst.

Über den fiktiven Charakter der Drag-Diva Lili Handel ist der Bulgare Ivo Dimchev europaweit bekannt geworden. Dimchev kann in seiner Queerness als künstlerischer Verwandter von Chaignaud und Harrell gelten. Doch seine Auftritte - X-ON war bereits im Festival zu sehen - haben stets etwas Höllisches an sich.

Nun, am 27. und 29. 7., geht dieser Mephisto unter den Choreografen daran, im Kasino am Schwarzenbergplatz ein Fest, sein eigenes Festival im Festival, zu gestalten. Das verspricht, ein süßes Gift zu werden.

"Drugs Kept Me Alive", bekennt Antony Rizzi, der quirlige Ex-Forsythe-Tänzer, in seinem neuen Stück (Schauspielhaus, 31. 7. und 2. 8.), für das der schlaflose belgische Allroundkünstler Jan Fabre den Text geschrieben und bei dem er auch Regie geführt hat.

"Ich bin eine tanzende Apotheke", ruft Rizzi und stürzt sich in einen bunten, schrillen Exzess, ein Fest des Lebenswillens und Poker mit dem Tod. (Helmut Ploebst, Spezial, DER STANDARD, 23.7.2013)

Dieser Artikel entstand mit finanzieller Unterstützung von ImPulsTanz. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Einen Wurm formen die fünf Tänzer gegen Ende von "Twerk", dem neuen Stück von François Chaignaud und Cecilia Bengolea.
    foto: jean-marie legros

    Einen Wurm formen die fünf Tänzer gegen Ende von "Twerk", dem neuen Stück von François Chaignaud und Cecilia Bengolea.

Share if you care.