Der aufrechte Gang wird überbewertet

22. Juli 2013, 17:00
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Xavier Le Roy mit seinen "Low Pieces" und Jérôme Bel mit "Disabled Theater " zeigen, was Menschsein alles bedeuten kann - und welche Möglichkeiten respektive Freiheiten das am Ende auch dem Tanz bietet

Es gehe, sagte Xavier Le Roy in einem Interview einmal, in Low Pieces eigentlich um nichts. Er wollte damit natürlich nicht sagen, dass das Stück bedeutungs- oder gar belanglos sei.

Vielmehr meinte er, dass es sich hier nicht um eines jener (tatsächlich oft eher belanglosen) Stücke handle, die einem Antworten en masse und auf dem Präsentierteller böten. Was Low Pieces, nun in einer Neuinszenierung wieder in Wien zu sehen, bietet, sind Fragen. Hier geht es um Gedankengänge und im besten Fall Erkenntnisse, die im Kopf jedes einzelnen Zuschauers entstehen.

Was auf der Bühne passiert, ist schnell erklärt: Zu Anfang und zu Ende haben die Zuseher die Möglichkeit, mit den 13 Performern (darunter Mette Ingvartsen, Anne Juren, Jan Ritsema oder Jefta van Dinther) zu diskutieren. Philosophische Fragen, etwa darüber, was eigentlich "Wirklichkeit" ist.

Im Mittelteil gibt es die kurzen Low Pieces, die so heißen, weil die Performer dabei immer tief, also unten am Boden bleiben. Der aufrechte Gang, in der Evolutionsgeschichte von buchstäblich herausragender Bedeutung, er bleibt ihnen verwehrt. Auch Bekleidung gibt es keine, nichts, was an Zivilisation oder soziale Konventionen erinnern könnte. Die Darsteller auf dem Boden sind nackt, und sie formieren sich zu Anordnungen, die wenig mit Menschsein zu tun haben. In ihren reduzierten, aber streng choreografierten Bewegungen meint man eher mechanische Abläufe zu erkennen, organische Strukturen oder schlicht animalisches Dasein.

Aus den denkenden und sprechenden Menschen in der Anfangsdiskussion wird hier etwas anderes. Was, das ist die Frage.

Genau wie Xavier Le Roy, der promovierte Molekularbiologe, hat auch Jérôme Bel einen sehr konzeptuellen Zugang zum Medium Tanz. Auch er analysiert und hinterfragt nicht nur gerne die Bedingungen des Menschseins, sondern auch jene des Tanzes, dessen Grammatik und Konventionen. In Disabled Theater kombiniert Bel beides.

Dafür arbeitet er mit den geistig behinderten, gleichwohl professionellen Schauspielern der Schweizer Theatergruppe Hora zusammen. Sie thematisieren auf der Bühne ihre Behinderung, die Einschränkungen, die das für sie als Einzelpersonen, die Ausschlüsse, die das in gesellschaftlichen Kontexten bedeutet.

Zum einen geht es Bel schlicht darum, diese Menschen zu zeigen, ganz ohne jede Wertung, ohne Mitleid oder politische Korrektheit. Daneben interessiert ihn die Frage, was Performer abseits von Perfektion oder Virtuosität dem Tanz wie dem Theater an neuen Möglichkeiten und Freiheiten bieten können.

"Es ist eben diese Einzigartigkeit", sagt er, "die mir zeigt, wozu das Theater in der Lage ist." Im besten Fall ist es wie hier fähig zu zeigen, was für eine große Bandbreite an Bedeutungen der Begriff "Mensch" haben kann. (Andrea Heinz, Spezial, DER STANDARD, 23.7.2013)

  • "Low Pieces", MQ Halle G, 27. 7., 21.00
  • "Disabled Theater", Akademietheater, 28. bis 31. 7., 21.00

Dieser Artikel entstand mit finanzieller Unterstützung von ImPulsTanz. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Für dieses stimmungsvolle Tableau vivant müssen die Tänzer in Xavier Le Roys "Low Pieces" nicht auf eigenen Beinen stehen.
    foto: vin­cent cavaroc

    Für dieses stimmungsvolle Tableau vivant müssen die Tänzer in Xavier Le Roys "Low Pieces" nicht auf eigenen Beinen stehen.

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