Höllisch tanzen Frühlingsopfer nebst Liebestötern

22. Juli 2013, 07:01
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Wie der britische Star Akram Khan bei Impulstanz sein Leben vorstellt und "Le sacre du printemps " seziert. Und der Österreicher Chris Haring eine grelle Lustkörper-Maschine gestartet hat

Wien - Leichte Kost sind die Stücke des britischen Choreografen Akram Khan nicht. Aber doch stets von einer bestechenden und unheimlichen Schönheit. Bei Impulstanz hat Khan kürzlich mit seinem Solo Desh das Burgtheater und seinem Gruppenstück iTMOi die Halle E des Museumsquartiers gut gefüllt. Ganz schön abseitig ist auch Lego Love des Österreichers Chris Haring geraten, das gerade im brechend vollen Volkstheater zu sehen war.

Schaudern und Märchen

Die Meinungen über Akram Khan sind geteilt: Manche halten ihn für einen effektverliebten Spekulanten, der sich mithilfe prominenter künstlerischer Partner - von Anish Kapoor über Hanif Kureishi oder Juliette Binoche bis hin zu Kylie Minogue, Tim Yip und demnächst Flamenco-Star Israel Galván - in die erste Liga der europäischen Tanzschaffenden hochgearbeitet hat. Andere dagegen für ein begnadetes Talent, das seinem Publikum perfekten, interkulturell aufgeladenen Tanz in stets berauschende Bildwelten verpackt.

Unbestritten dabei bleibt, dass Khan von einer kreativen Tüchtigkeit ist, die sich mit der eines Wim Vandekeybus oder Sidi Larbi Cherkaoui spielend messen kann.

Große Effekte auf der Bühne haben etwas Unheimliches an sich, wenn nicht klar ist, wo hinein sie das Publikum ziehen sollen. So etwa das autobiografisch angelegte Desh. Darin erzählt der im Londoner Vorort Wimbledon aufgewachsene Akram Khan von seiner Reise in das Ursprungsland seiner Familie, Bangladesch. Und von seinem Verhältnis zu der kleinen Figur seines Vaters. Er gibt auch etwas von seiner ambivalenten Haltung gegenüber der Zwei-Kulturen-Identität preis, die sein Leben bestimmt. Dafür verkörpert er eine ganze Gruppe von Personen, die Khans Leben zu dem gemacht haben sollen, was es ist. In Desh vermischen sich Fiktion und Realität, Dokumentarisches und poetische Überhöhung zu einem so anrührenden wie auch familienfreundlichen mythischen Märchen.

Das zweite im Festival präsentierte Khan-Stück dagegen ist für junge Menschen eher weniger geeignet. Denn da werden die auch in Desh anklingenden sinistren Stimmungen zu monströsen Finsternissen gesteigert.

Das Thema ist kein Kinderspiel. Denn mit iTMOi (die Abkürzung von in the mind of igor, wie der Untertitel verrät) wildert Khan in den Grausamkeiten, die das Stück Le sacre du printemps von Igor Strawinsky bestimmen, das vor einem Jahrhundert in der Choreografie von Vaslav Nijinsky die Pariser Bourgeoisie echauffierte.

Dass Akram Khan kein Spaßchoreograf ist, hat er in Arbeiten wie Sacred Monsters, Bahok oder Vertical Road schon bewiesen, doch iTMOi geht noch ein Stück weiter. Eine weibliche Figur mit ausladendem weißem Krinolinenrock und überdimensionalem Hut ist da der Dämon des Verderbens. Oder: Ein Riese, der dem Morpheus in der Digital-Orgie Matrix der Brüder Wachowski ähnelt, wütet zu den Klängen einer Totenglocke. Freund Hein höchstselbst, wie es scheint. Und am Ende schwingt eine güldene Kugel als Schicksalspendel verderbenbringend durch das Duett eines unerlösten Adam-und-Eva-Paars.

Die ausladende, dramatische Musik von Nitin Sawhney, Jocelyn Pook und Ben Frost trägt da keineswegs zur Beruhigung bei. Das Publikum reagierte mit Standing Ovations und einigen passionierten Buhrufen.

Ekstasis à la Käsekrainer

Wesentlich ironischer, aber zumindest ebenso unheimlich ist die vergleichbar klangintensive (Andreas Berger) Arbeit Lego Love von Chris Haring mit dem Ballettensemble des Staatstheaters Kassel geraten.

Am Anfang steht die Metapher einer durch den Biss in eine Käsekrainer ausgelösten Ekstasis. Daraus quillt ein geiles, posthumanes Sodom und Gomorrha, bei dem eine Androiden-Gruppe in glühenden bis eisigen Farborgien badet und sich auf ein Bacchanal einlässt, das in kannibalistischen Fantasien kulminiert.

Lego Love wischt die unterhaltungsindustriell profitablen Illusionen von der romantischen Liebe beiseite. Es obsiegt das Bekenntnis zur nackten Lust - in einer Maschine aus Körpern, die manche wilden Vorstellungen von der Vereinigung alles Fleischlichen imitiert und überhöht.

Dieses Bekenntnis wird aber subvertiert: Die elf automatischen Lusttänzer auf der Bühne behalten bis zum Schluss ihre Liebestöter an. Abgründig war Harings Humor schon immer. Hier aber übertrifft sich der Choreograf selbst. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 22.7.2013)

"iTMOi" bis 23. 7.

www.impulstanz.com

  • In den Eingeweiden der Geschichte von "Le sacre du printemps" wühlt Akram Khan mit seinem Stück "iTMOi". Hier auf dem Boden das Opfer, umtanzt von Leuten, die sich den Status seiner Demütigung ganz genau anschauen.
    foto: jean louis fernandez

    In den Eingeweiden der Geschichte von "Le sacre du printemps" wühlt Akram Khan mit seinem Stück "iTMOi". Hier auf dem Boden das Opfer, umtanzt von Leuten, die sich den Status seiner Demütigung ganz genau anschauen.

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