Linienflüge und Automatenkaffee

22. Juli 2013, 05:30
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Der neue Papst Franziskus wirft Traditionen über Bord und krempelt den Vatikan um

Mit seiner allerersten Reise nach Lampedusa konnte Papst Franziskus zufrieden sein: Über 10.000 Gläubige jubelten ihm zu, sein Solidaritätsaufruf mit den Flüchtlingen sorgte weltweit für Diskussionen. Doch ein Wunsch war ihm verweigert worden: ein ganz normaler Linienflug auf die Insel. Zum Weltjugendtreffen in Brasilien will Franziskus mit einer Alitalia-Maschine fliegen.

Vergangene Woche kreuzte das Kirchenoberhaupt plötzlich in der Garage des Vatikans auf. Dort stehen mehrere Nobelkarossen, deren Benützung Franziskus bisher strikt verweigerte. Seither wagt auch kein kirchlicher Würdenträger mehr, da einzusteigen. Gut möglich, dass Jorge Mario Ber­goglio nun deren Verkauf anordnet. Erst kürzlich hatte er vor Jugendlichen sein Unbehagen geäußert, wenn er "Priester oder Nonnen in glänzenden Karossen fahren" sehe.

Für die intrigenreiche Kurie, die "Regierung" des Vatikans, die um ihren Einfluss bangt, ist der argentinische Papst gefährlich und unberechenbar. Wen er treffen will, bestimmt er selbst, häufig bleibt Franziskus mit seinem Gast allein. Der mächtige Staatssekretär Tarcisio Bertone hat sich vorsorglich,
in Erwartung seiner Absetzung, schon eine kleine Wohnung an den vatikanischen Mauern ausgesucht.

Letzthin mussten IOR-Direktor Paolo Cipriani und sein Stellvertreter zurücktreten. Im Eiltempo soll nun ein Reformplan für die in Verruf geratene Va­tikanbank entstehen. Ermittlungen italienischer Staatsanwälte im Falle illegaler Transaktionen werden im Kirchenstaat nun nicht mehr boykottiert.

Was der Papst will, formuliert er meist unmissverständlich: "eine arme und erneuerte Kirche". Die Umwälzung erfolgt weniger durch Dekrete von oben, sondern eher durch Gesten und Worte. Seine Predigten verfasst Franziskus selbst, häufig spricht er frei. Auch um das Protokoll kümmert sich Bergoglio nicht: Er will ungehinderte Begegnung mit den Gläubigen.

Und das unter Benedikt XVI. endlose Tauziehen mit den Piusbrüdern wurde kurzerhand eingestellt: keine Eile mehr mit der Heiligsprechung von Papst Pius XII.

"Ich beiße nicht"

Mit seiner Weigerung, in die päpstlichen Gemächer im Apostolischen Palast zu ziehen, hat sich das Kirchenoberhaupt eine im Vatikan bisher unvorstellbare Unabhängigkeit gesichert: Wenn der Papst Lust auf einen Espresso hat, ruft er keine Haushälterin: Er steigt in den Aufzug. "Ich beiße nicht", beruhigte er unlängst, so hört man, im Lift zwei erschrockene Bischöfe. Dann fährt er hin­unter, fingert eine Münze aus dem weißen Talar und bedient sich beim Automaten - für erzkonservative Kurienprälaten ein absolut unerträglicher Anblick. (Gerhard Mumelter, DER STANDARD, 22.7.2013)

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