Die Entsühnung eines viel zu Braven

21. Juli 2013, 19:42
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Mit der "Modernisierung" des Salzburger "Jedermann" am Domplatz hat man einige spirituelle Eckwerte geopfert - Die Inszenierung von Brian Mertes und Julian Crouch krankt vor allem an Harmlosigkeit

Salzburg - Neuinszenierungen des Jedermann sind heikel wie Kirchenreformen. Im "Spiel vom Sterben des reichen Mannes" steckt ein Glaubensinhalt. Wer diesen leugnet, sollte das Spektakel am Domplatz nicht generalüberholen, sondern absagen: "Wegen Atheismus geschlossen!"

Zum Ernst der Bußübung gesellen sich andere, "weiche" Faktoren. Hofmannsthals Wiederbelebung des alten Mysterienspiels bildet das wirtschaftliche Herz der Festspiele. "Neuinszenierungen" wie diejenige von Brian Mertes und Julian Crouch gleichen daher der Verabreichung von Beruhigungspillen. Man kann die Entsühnung des Jedermann für unangemessen und heuchlerisch halten. Man muss deshalb auf den Genuss noch nicht verzichten.

Die neue, kunstgewerbliche Darbietung auf dem Domplatz ist darum ein Leichtprodukt: Die Fettanteile sind radikal gesunken. Man muss den lieben Gott nicht mehr fürchten. Er erscheint als zwölfjähriges Mädchen (Florentina Rucker) in einer Megafontrommel. Der Tod (Peter Lohmeyer) gleitet wie eine schlanke Raupe im weißen Kokon über das Podest. Die Gesellschaft der Sterblichen hat da schon lärmend Einzug gehalten. Es wird allerliebst gegeigt und viel geblasen in diesem Jedermann (mit Musikstücken u. a. von Julian Crouch, Martin Lowe und Einar Nilson).

Will der Titelheld (Cornelius Obonya) sich ein Lustschloss für die Liebste anschaffen, zieht ein ganzer Buschwald vorüber, voran der Tod persönlich. Die Damen des Hausgesindes tragen Putzhäubchen. Andererseits ist die Stimmung aufgekratzt, als bitte der große Gatsby zum Tanz. Mertes/Crouch haben mit Talmi nicht gegeizt. Manche Menschen tragen Dämonenköpfe, ganz zu Anfang huschen ein paar Bischöfe durch das Geschehen. Der neue Jedermann ist vor allem ein Kindergeburtstag. Ausgerichtet haben ihn zwei angelsächsische Routiniers, die mit Plunder nicht geizen und uns arme Sünder an die Roaring Twenties erinnern.

Obonya weiß denn auch gar nicht, wohin mit seinem Geldbeutel. Dieser Jedermann im schwarzen Anzug bahnt seine Vergnügungen mit sachlicher Intelligenz an. Die lästige Erscheinung des armen Nachbars (Johannes Silberschneider) stürzt ihn in die größte Verlegenheit. Er klopft dem Hungerleider eigenhändig den Staub vom Hut. Er lacht peinlich berührt, wenn ein Gendarm dem Schuldknecht (Fritz Egger) in den Bauch schlägt.

Dieser Jedermann schleicht und schwindelt sich sofort in die Herzen. Er spendet höchstwahrscheinlich für "Nachbar in Not". Auch der Tod ficht ihn bestimmt nicht an. Jedermann, wie Obonya ihn spielt, geht jedes Jahr zur Vorsorgeuntersuchung und zahlt sowohl Krankenversicherung als auch Kirchensteuer. Obonyas Hofmannsthal-Figur ist auf der Höhe unserer Zeit. Sie passt nur leider gar nicht in das Spiel auf dem Domplatz. Ihr fehlt alles Auftrumpfende und Genießerische. Obonya ist so etwas wie die luxuriöse Fehlbesetzung des Abends.

Vergebene Liebesmüh

Die Buhlschaft (Brigitte Hobmeier) hätte etwas mehr Zuwendung gut vertragen. Sie saust im alten Waffenrad auf die Bühne und umschwirrt als zinnoberroter Falter ihren Gönner. Hobmeier entblößt die Strapse. Sie und Jedermann verschwinden unter der Festtafel. Doch auch die schärfsten Erotika vermögen Jedermann nicht aus seiner Beklemmung zu lösen. Die einzige Umarmung, die ihm ziemt, ist die durch den Tod.

Mit jemandem, der kein Sünder ist, hat es Gottes Personal naturgemäß schwer. Die Entsühnung wird zur Qual. Hat man die großbürgerliche Würde von Jedermanns Mutter (Julia Gschnitzer) noch bewundert, so muss man nunmehr mit "Regie-Einfällen" das Auslangen finden. Der Mammon (Jürgen Tarrach) kriecht als Operettenbuffo aus einem Krötenkostüm. Die "Werke" (Sarah Viktoria Frick) bewegen die schmächtigen Glieder einer Puppe. Der Glaube (Hans Peter Hallwachs) schließlich sitzt wie Kafkas Türwächter über einem Holzportal. Das sühnende Wasser der Reue gießt er Jedermann aus einem Waschbecken auf den Kopf.

Da geigen bereits wundermild die Engel, der Himmelskonzipient (Hallwachs) streut Federn auf die Erde. Der Teufel (Simon Schwarz)? Tut einem leid. Die Handykameras des Publikums blitzen ergriffen. Der Begeisterungssturm galt einer müden Darbietung: Den Jedermann gibt es zum spirituell verbilligten Tarif. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 22.7.2013)

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    "Modern" und daher sofort bußfertig: Jedermann (Cornelius Obonya) mit Buhlschaft (Brigitte Hobmeier).

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