Tiefsinnig sanfte Welterschaffung

21. Juli 2013, 20:24
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Die Ouverture spirituelle begann fulminant mit Haydn und Mozart

Salzburg - Noch nie war es so schwer festzustellen, wann die Salzburger Festspiele tatsächlich beginnen. Nicht so sehr ob der Ouverture spirituelle, dieses Schwerpunkts der geistlichen Kultur- und Musikbegegnung, der eine Woche vor dem offiziellen Festakt (am 26. Juli) angesetzt wurde. Vielmehr musste man aufgrund des alle paar Monate ausbrechenden Budgetstreits zwischen Intendant Alexander Pereira und dem ihn misstrauisch bremsenden Kuratorium den Eindruck zwölfmonatiger, quasi pausenfreier Festspiele gewinnen.

Was nun am Freitag mit der Schöpfung von Joseph Haydn im Großen Festspielhaus begann, könnte demnach auch als künstlerische Coda der Festspiele 2012 betrachtet werden. Denn seit vergangenem Sommer, Pereiras erstem, gab es in jeder folgenden Jahreszeit "Vorstellungen" der unkünstlerischen Art, deren Schlusspointe darin bestand, dass der Hauptdarsteller unter erleichtertem Kuratoriumsapplaus kundtat, 2014 seine Rolle abzugeben und nach Mailand zu gehen.

Schade, dass die Ouverture spirituelle nicht auch während der Kuratoriumssitzungen der letzten Monate stattfinden konnte. Sie präsentiert heuer auch buddhistische Sangesmönche. Womöglich hätten sich deren meditative Klänge mediatorgleich mäßigend auf die Salzburger Konfliktgemüter ausgewirkt.

Und womöglich hätte auch Haydns Schöpfung - in der subtilen Sicht von Nikolaus Harnoncourt - die Streitköpfe im Sinne der Konfliktentschleunigung inspirieren können. Abseits einer knalligen Oberflächenästhetik setzt Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus auf sanfte Tiefenerforschung wie starke dynamische Kontraste und führte etwa leise vom Licht zu den Stürmen des zweiten Schöpfungstages.

Gabriels Arie des dritten Tages (große lyrische Qualitäten bewies insgesamt Martina Jankova) hatte etwas Verspieltes, Tänzerisches. Und aus stürmischen Orchesterwogen tauchten die liedhaft zarten Kantilenen Raphaels auf, die Bass Florian Boesch delikat umsetzte. So wie er an anderer Stelle auch sein darstellerisch-humoristisches Potenzial den Farben mancher Töne lieh. Etwas ernster, jedoch zweifellos profund auch Tenor Michael Schade als Uriel, der unter anderem die Entstehungsfeste des Himmels besang.

In Summe berückte ein silbrig schimmernder Orchesterklang, der gleichsam Haydns Ideen geheimnisvolle Tiefe und dann wieder tiefsinnige Leichtigkeit verlieh. Trotz langsamer Tempi war auch jene Pointiertheit und Prägnanz der Concentus-Phrasierung zugegen, um im Sinne der Ausdrucksbalance zu agieren. Souveräner hätte die Ouverture nicht beginnen können.

Tags darauf im Salzburger Mozarteum dann Düsternis: Toru Takemitsus Requiem für Streicher entfaltete in der Version des Mozarteum-Orchesters dunkle Farbpracht des Polytonalen. Ein dramaturgisch sinnvoller Überraschungseffekt ergab sich, als Dirigent Thomas Hengelbrock Mozarts Requiem praktisch direkt auf Takemitsus Streichertrauer anschließen ließ. Auch sonst beeindruckte der Wechsel zwischen ruppigem Drama und lyrischer Zartheit wie auch Hengelbrocks insistenter Zugang, der Unmittelbarkeit des Ausdrucks einforderte. Nebst dem souveränen Balthasar-Neumann-Chor berückte im soliden Ensemble vor allem der Sopran von Katja Stuber. Pech allerdings, dass an Tuttistellen der Saal dann doch etwas zu klein wirkte und der Klang bisweilen eher zusammengedrängt als elegant verschmolzen rüberkam. Dennoch eine packende Aufführung, die Hengelbrock mit einigen Sekunden der Stille ausklingen lassen wollte. Leider pulverisierte ein just in diesem Augenblick erklingendes Handy jeglichen kontemplativen Versenkungseffekt. Ärgerlich perfektes Timing. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 22.7.2013)

22. 7., Mozarteum: Thomas Hengelbrock und der Balthasar-Neumann-Chor mit A-cappella-Werken der Romantik, 18.00

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    Findet Leichtigkeit bei Joseph Haydn: Dirigent Nikolaus Harnoncourt.

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