Mikroblogs: In China ist plötzlich jeder ein Reporter

21. Juli 2013, 19:09
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Reaktion auf Explosion am Pekinger Flughafen zeigt Macht der sozialen Netzwerke

Es war Samstag gegen 18.45 Uhr, als sich in Chinas sozialen Netzwerken die Meldungen über eine Explosion am Pekinger Flughafen überschlugen. Pekings Staatsfernsehen, Radio und die offiziellen Webnachrichten meldeten noch Fehlanzeige, auf den "Weibo" genannten Mikroblog-Seiten öffneten sich auf die Stichworte "Explosion" und "T3" hin bereits Dutzende Online-Fenster voller Fotos und Kurztexte von Hobbyreportern und Augenzeugen.

Mikroblog um Mikroblog verdichtete eine dramatische Nachricht: Am Ausgang B des Pekinger Flughafens hatte um 18.24 Uhr der 34-jährige chinesische Staatsbürger Ji Zhongxing im Rollstuhl eine plastikumhüllte Packung zur Explosion gebracht. Der Behinderte hielt sie in der linken Hand seines hochgestreckten Armes. Er hatte vorher mit Flugblättern um sich geworfen. Die laute Detonation des Feuerwerk-Schwarzpulvers verletzte Ji am Arm, warf seinen Rollstuhl um, richtete aber sonst kaum Schaden an.

Passanten in dem geschäftigen internationalen Terminal T3 hatten den wild gestikulierenden Mann zuvor mit ihren Handys fotografiert. Nun stellten sie ihre Fotos ins Netz. "Mild_Luna", deren Aufnahmen Stunden später gelöscht wurden, war "eine Minute nach dem Knall" online. 45 Minuten später, kurz nach 19 Uhr, stand alles über den Täter online, sein Name und seine Herkunft aus einem Bauerndorf nahe Shandong. Offizielle Meldungen gab es immer noch nicht.

Zensur auf verlorenem Posten

Auch die Adresse des Blogs von Ji Zhongxing stand im Netz. Er schildert darin seine Leidensgeschichte. Der Bauer hatte sich seit 1999 als Wanderarbeiter im südchinesischen Dongguan bei einer Fabrik verdingt. Dann hatte er sich ein Motorradtaxi zugelegt, um sich mit Nachtfahrten ein Zubrot zu verdienen. Am 28. Juni 2005 wollte ihn eine Polizeistreife um zwei Uhr früh anhalten. Er fuhr davon. Hilfswächter stoppten ihn und verprügelten ihn mit Eisenstangen so schwer, dass er querschnittsgelähmt wurde. Seither kämpfte Ji um Entschädigung für Krankenhauskosten und zerstörtes Leben, flehte dreimal vergebens Pekings Behörden um Hilfe an. Der Zähler seiner Blogseite meldete am Samstag mehr als 100.000 Besucher. Dann sperrte die Zensur den Zugang.

Flughafenbehörden und Polizei reagierten weiter hinhaltend. Erst um 19.13 Uhr gab die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua ihre erste einzeilige Meldung ab, wonach es zu einer "lauten Explosion am Terminal T3" gekommen sei. Eineinhalb Stunden später nannte Xinhua Einzelheiten und die Identität des Täters.

Mikroblogs und Internet zwingen die Zensur zum Rückzug. Immer schwerer fällt es den Behörden, Nachrichten über Umweltskandale, Arbeitsunfälle, Nahrungsmittelvergiftungen und Korruption zu vertuschen. Bürger wollen nicht nur sofort alles darüber wissen, sondern lassen sich auch zu Protesten mobilisieren. Das bereitet dem Regime Kopfschmerzen, Peking verstärkt seine Firewalls, zwingt Blogger, sich unter Echtnamen anzumelden, lässt Gesetze gegen sogenannte Gerüchteverbreiter verschärfen oder statuiert drastische Verurteilungen. Doch die Behörden kämpfen auf verlorenem Posten. (Johnny Erling, DER STANDARD, 22.7.2013)

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