Wenn Pferde sich mit Erdgas stärken

21. Juli 2013, 17:31
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Die meisten Lastwagen fahren auf Diesel ab. Nach den USA und China könnte es in Europa zu einem Switch zu verflüssigtem Erdgas kommen

Wien/Brüssel - Es sind hochgezüchtete Wunderwerke der Technik, die Tag für Tag, Woche für Woche garantieren, dass der Liter Milch, die Rolle Klopapier oder das TV-Gerät genau dorthin kommen, wo sie gebraucht werden. Die PS-starken Motoren moderner Lkws, die aus der Logistik nicht mehr wegzudenken sind, haben allerdings einen gravierenden Nachteil: Sie verbrauchen viel Diesel und produzieren trotz erheblicher Verbesserungen immer noch zu viel Kohlendioxid (CO2).

Was aus Gesundheitssicht noch schwerer wiegt, ist Feinstaub. So optimiert kann die Verbrennung des Diesel gar nicht werden, als dass keine ultrafeinen Partikel anfielen. Dies könnte nun auch in Europa eine Entwicklung anstoßen, die in den USA und in China schon kräftig im Rollen ist: der schrittweise Ersatz von Diesel im Schwerverkehr durch verflüssigtes Erdgas - kurz LNG (Liquified Natural Gas)

Unterstützung aus Brüssel

Die EU hat sich im Frühjahr nach längerer Diskussion mit einer Projektsubvention von acht Millionen Euro auf das Thema gesetzt. Mit einer kleinen Anzahl strategisch platzierter Zapfsäulen in ganz Europa könnte LNG im Fernverkehr eine brauchbare Alternative zu Dieselkraftstoff sein. Auf die Transportindustrie entfallen 28 Prozent der gesamten Kohlendioxidemissionen in Europa.

"Die Vorteile von LNG sind bestechend: weniger Verbrauch, geringerer Wartungsaufwand verglichen mit Dieselmotoren, weniger Stickoxid, kein Schwefel und CO2-neutral, wenn künstlich erzeugtes Methan verwendet wird. Auch die Barriere höhere Anschaffungskosten wird bald sinken," sagt Rudolf Huber im Gespräch mit dem STANDARD. "Ab September nächsten Jahres gilt die Euro-6-Norm mit noch strengeren Abgasvorschriften für neu zugelassene Lkws. Spätestens dann ist der Preisunterschied zwischen Diesel- und Gas-Lkws planiert."

Huber hat viele Jahre für die Großhandelsgesellschaft Econgas gearbeitet, sich dann selbstständig gemacht und verdient sein Geld nun als Berater. Sein Steckenpferd ist LNG, dem er auch in Österreich zum Durchbruch verhelfen möchte, wie er sagt. Mit Energy Austria 2020 haben er und Gleichgesinnte eine Plattform geschaffen, die Diskussion voranzutreiben.

Der Diskussionsprozess sei weit gediehen, sagt Huber. Er will eine LNG-Anlage mit einer Tageskapazität von 100 Tonnen bauen. Als Standorte kämen Zwentendorf, Korneuburg oder ähnliche Flecken entlang der Donau infrage. Mit zwei kleineren, mobilen Anlagen möchte er herumfahren und in interessierten Betrieben "zeigen, was LNG kann". Die Gesamtinvestition schätzt Huber auf 60 Millionen Euro, Gespräche mit potenziellen Investoren aus USA und Asien seien im Laufen.

Im Auge hat der Gasmann zunächst Flottenfahrzeuge: "Stadtbusse, Müllautos, Supermarktlieferanten, Brauereien - Fahrzeuge, die auf planbaren Routen unterwegs sind und wo man heute schon weiß, wo sie in zwei Jahren fahren werden." Das habe den Vorteil, dass man kein engmaschiges LNG-Tankstellennetz benötige. Huber: "Zwei LNG-Depots an strategischen Punkten in Wien, und es reicht für den Beginn."

Billigere Tankladung

Was die Kosten betreffe, sei ein Blick in die Niederlande aufschlussreich. Die Holländer sind bisher die Einzigen, die LNG als Kraftstoff für den Schwerverkehr eingeführt haben. "Dort hat ein erklecklicher Teil der Frächter seine Flotte bereits auf LNG umgestellt mit der Erfahrung, dass übers Jahr 20 bis 25 Prozent der Spritkosten gespart werden können."

Selbst wenn LNG gleich besteuert werde wie Diesel, liege die Kostenersparnis immer noch bei zehn bis 15 Prozent. "Es wird aber allgemein erwartet, dass der Dieselpreis entweder gleich bleiben oder tendenziell steigen wird und dass sich Gas in den nächsten drei Jahren um etwa 50 Prozent verbilligt - weil die Russen die Hochpreispolitik unmöglich durchhalten können." Unterstützung für LNG ortet Huber in der Wirtschaftskammer und an der ÖVP-Spitze, die SPÖ sei zurückhaltend, die Grünen seien gespalten.

Die Internationale Energieagentur in Paris befürwortet den Einsatz von LNG als Dieselersatz. Damit könnte die Abhängigkeit von Ölimporten gesenkt werden. (Günther Strobl, DER STANDARD, 22.7.2013)

Wissen: Liquified Natural Gas

Liquified Natural Gas (LNG) war bisher bekannt als Energieträger, den man ob seiner flüssigen Form unabhängig vom Vorhandensein irgendwelcher Pipelines per Schiff dorthin transportieren kann, wo er gebraucht wird. Von LNG als Sprit war in unseren Breiten bisher kaum die Rede, soll sich nun aber ändern. Grund ist die höhere Energiedichte von verflüssigtem Erdgas und die im Vergleich zu Diesel bessere Umweltbilanz beim Verbrennvorgang. LNG entsteht durch Abkühlung auf minus 161 bis minus 164 Gad. Den Tank muss man sich wie eine Art Thermoskanne vorstellen, das flüssige Methan wird durch die Isolierung kühl gehalten. Der Tankvorgang dauert ungefähr so lang wie bei Diesel, auch die Reichweite ist vergleichbar.

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    Viele Pferdestärken wirbeln nicht nur Feinstaub auf, sie machen auch einen Höllenlärm.

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