Sowjet-Kretin stört Scheintoleranz

19. Juli 2013, 22:24
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Fabrice Melquiots Gesellschaftskomödie "Juri" als deutschsprachige Erstaufführung beim Villacher Kulturhof:sommer

Der Villacher Kulturhof:sommer zeigt die deutschsprachige Erstaufführung von Fabrice Melquiots Gesellschaftskomödie Juri in einer leidenschaftlichen Inszenierung. Patrick und Andrea werfen sich Luftbussis zu. Sie sind fest entschlossen, glücklich zu sein. In ihrer sonnengelben Wohnung, einer Collage aus Einbauschränken mit viel Stauraum, ist alles aufgeräumt und oberflächlich korrekt (detailreiches Bühnenbild: Markus Schöttl). Plötzlich sitzt Juri auf der Couch. Andrea hat den russischen Teenager schlicht entführt. Für sie das ersehnte Adoptivkind, ist Juri für Patrick ein Eindringling.

Fabrice Melquiot attackiert mit seinen überzeichneten Figuren jene beruflich erfolgreichen Mittdreißiger, die sich weltoffenen und tolerant geben; im Grunde aber ein latent rassistisches, heteronormatives, patriarchales Weltbild hegen. In ihrem Egoismus verkommt politische Korrektheit zum Mittel der Selbstdarstellung.

Patrick erschrickt daher nur kurz, als er den Jungen ablehnt, weil er sich ein "echtes österreichisches" Baby gewünscht hat. Der stumme, unberechenbare Junge bietet ihm ausreichend Angriffsfläche, etwa wenn er seine Blase spontan hinter der Couch entleert. Wie der vermeintliche Jude in Max Frischs Andorra bleibt Juri für seine neuen Eltern auch dann noch der "Sowjet-Kretin", als längst klar ist, dass er weder Juri heißt noch Russe ist. Es kommt zu Missbrauchsvorwürfen, Selbstmorddrohungen und Eifersuchtsszenen. Der Kinderwunsch wird als narzisstisch entlarvt, die Selbstverliebtheit der neuen, engagierten Vätergeneration schonungslos vorgeführt.

Regisseur Thomas Smolej setzt auf Tempo, Liebe zum Detail und Überraschungseffekte. Sein Fokus auf die Psychologie der Figuren vermeidet plumpe Klischeedarstellungen und erfreut mit Situationskomik. Markus Schöttl und Sabine Kranzelbinder fesseln mit ihrer intensiven Interpretation des kinderlosen Paares; Kristóf Gellén, als Juri fast ohne Text, glänzt mit perfekt eingesetzter Körperarbeit. (mmm, DER STANDARD, 20./21.7.2013)

  • Yuppies, deren Weltoffenheit sich als latent rassistisch und heteronormativ unterfüttert herausstellt.
    foto: arnold pöschl

    Yuppies, deren Weltoffenheit sich als latent rassistisch und heteronormativ unterfüttert herausstellt.

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