Frivole Aufdeckungen auf dem Landsitz

19. Juli 2013, 20:53
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Einakter mit Doppelmoral: Arthur Schnitzlers "Komtesse Mizzi" im Ballsaal des Thalhof in Reichenau an der Rax

Der bodenlange seidene Vorhang bauscht sich im sanften Luftzug, eine schöne Dame mit wallender Mähne und luftig-eleganten Röcken kehrt dem Publikum den Rücken zu und blickt durchs offene Tor in den Schlossgarten hinaus. Ein Paravent da, Stuhl und Tisch dort, mehr Bühnenrequisiten braucht es nicht, um die Atmosphäre des Wiener Fin de Siècle im Ballsaal des Thalhof in Reichenau an der Rax herzustellen. Schließlich begegnet man bereits auf den heute kaum veränderten Gängen und Terrassen der ehemaligen Gaststätte zur ersten Kaltwasserheilanstalt der Monarchie den Geistern von Kaiser Franz Joseph I., Kaiserin Elisabeth, aber auch jenen von Peter Altenberg und Arthur Schnitzler, die im Thalhof zu Gast waren.

Seit 15 Jahren inszeniert Helga David dort vor allem Schnitzler-Stücke. Mit psychoanalytischem Scharfblick zeigt Schnitzler in seinem 1909 am Wiener Volkstheater uraufgeführten Einakter Komtesse Mizzi oder der Familientag die Doppelmoral der Salongesellschaft in der auseinanderbrechenden Donaumonarchie.

Da wären allen voran ein gelangweilter und in die Jahre gekommener Graf (überzeugend: Clemens Aap Lindenberg) und seine mit 37 Jahren immer noch ledige Tochter Mizzi (berührend: Lisa Wildmann). Diese wird plötzlich mit ihrer hart verdrängten Vergangenheit konfrontiert. Ihre einstige große Liebe(lei), der beste Freund ihres Vaters (Hubert Wolf), taucht plötzlich auf, noch dazu in Begleitung eines 17-jährigen Burschen (großartig: Josef Ellersdorfer). Dieser stellt sich als der Sohn der beiden heraus, den Mizzi nach der heimlichen Geburt weggeben musste.

Noch bis Ende August kann man im Thalhof in die Vergangenheit reisen und den Konflikten zwischen Freiheit und Selbstaufgabe, Lebenslüge und Einsamkeit auf den Grund gehen. Ab dem ersten August sind zudem Wolfram Berger in Jacques Offenbachs Die Großherzogin von Gerolstein und Josef Ellersdorfer als Leutnant Gustl (ab 11. August) zu erleben. (ewe, DER STANDARD, 20./21.7.2013)

"Komtesse Mizzi", Thalhof Reichenau: bis 25. 8. jeweils Do. & Fr. 19.30, Sa. 15.00 und 19.30, So. nur 15.00

  •  Lisa Wildmann und Clemens A. Lindenberg in Schnitzlers "Komtesse Mizzi".
    foto: barbara palffy

     Lisa Wildmann und Clemens A. Lindenberg in Schnitzlers "Komtesse Mizzi".

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