Der Fluch der günstigen Kredite

19. Juli 2013, 17:53
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Wenn Banken gezwungen werden, weniger und teurere Darlehen zu vergeben, ist das oft besser für die Wirtschaft

Ob in den USA oder in Europa – überall wird den Banken das Leben etwas schwerer gemacht. Und überall drohen die Banker damit, dass sie deshalb gar keine Wahl haben, als die Kredite an Unternehmen einzuschränken. Und das schadet bekanntlich dem Wachstum und kostet Arbeitsplätze.

Tatsächlich klagen auch in Österreich immer mehr Unternehmen darüber, dass Kredite teurer und seltener werden. Und in Südeuropa ist die Kreditklemme inzwischen zu einem der wichtigsten Ursachen für die anhaltende Wirtschaftskrise geworden.

Auch Andreas Lampl übernimmt im neuen Format diese Argumentation und warnt daher vor der „Faymann-Steuer“, also der vom Kanzler geforderten Verlängerung der erhöhten Bankensteuer.

Nicht fair, aber vielleicht wünschenswert?

Nun unabhängig davon, ob Österreichs Bankensteuer fair und angemessen ist (ich persönlich glaube nein, aber es gibt Schlimmeres), muss man sich eine andere Frage stellen: Ist es wirklich wünschenswert, wen Unternehmen leicht an billige Kredite kommen?

Aus Sicht des Unternehmens ist die Antwort klar. Günstigere Finanzierungsquellen bedeuten mehr Wachstumspotential und höhere Gewinne. Aber wenn ein Unternehmer etwas längerfristig denkt, dann könnten ihm schon die Zweifel kommen. Kredite müssen schließlich irgendwann zurückgezahlt werden.

Und ein guter Teil aller Unternehmenskrisen und –pleiten gehen auf eine verfehlte Expansion zurück, die meist kreditfinanziert worden ist. Günstige Kredite verleiten zu Leichtfertigkeit und übertriebenem Optimismus, die Unternehmen am Ende gefährden können. Bei höheren Zinsen muss einfach strenger gerechnet werden – und das ist aus kaufmännischer Sicht oft klug.

Spanien wäre besser dran

Dieses Dilemma gilt noch mehr für eine gesamte Volkswirtschaft. Praktisch alle Krisen der vergangenen Jahre wurden durch leichtfertige Kreditvergabe ausgelöst. Auch der Großteil der kaputten Banken in der Eurozone hat sich nicht etwa durch Spekulationen ruiniert, sondern durch fehlgeleitete Kredite. Spanien wäre heute viel besser dran, wenn im vergangenen Jahrzehnt die Zinsen nicht so niedrig gewesen wären.

Wenn vor allem kleine Unternehmen überhaupt nicht an Kredite herankommen oder Wucherzinsen zahlen müssen, wie es in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern der Fall ist, leidet die Wirtschaft dramatisch. Fehlende Kredite sind eines der Hauptgründe für fehlende Entwicklung und Armut. Deshalb sind funktionierende Bankensysteme für arme Länder so wichtig.

Aber hochentwickelte Länder haben heutzutage keinen Mangel an Finanzierungsmöglichkeiten.  Sie leidhen viel mehr an Überschuldung, verursacht durch ein Übermaß an Kredit. Selbst in Italien und Spanien muss man sich fragen, ob es nicht besser ist, wenn viele Unternehmen jetzt einmal keine Chance auf neue Bankkredite haben. Das kostet zwar Arbeitsplätze, verhindert aber zukünftige Krisen.

Mehr Eigenkapital heißt weniger Kredite

Und auch in Österreich ist das geringe Eigenkapital in so vielen Klein- und Mittelbetrieben ein eindeutiges Zeichen, dass Unternehmen zu leicht an Kredite herangekommen sind und deshalb ohne ausreichende Kapitalbasis expandieren konnten. Wer nach mehr Eigenkapital ruft, meint eigentlich die Einschränkung von Fremdkapital.

Womit Kritiker sicherlich Recht haben, ist der Hinweis auf die fehlende Risikofinanzierung in Ländern wie Österreich. In den USA stehen zigtausende Venture-Kapitalisten, Private-Equity-Fonds und Business Angels für Start-Ups und rasch expandierende Unternehmen bereit. Die fehlen bei uns genauso wie in den meisten Ländern der Eurozone.

Aber auch dieser Mangel hängt mit der leichten Verfügbarkeit von Bankkrediten zusammen. Equity-Investoren sind teuer, verlangen sehr hohe Gewinnbeteiligungen, weshalb sich viele Unternehmen lieber an die Hausbank halten.

Chance für Risikokapital

Wenn auf Grund der neuen Auflagen für die Banken die Kreditvergabe restriktiver wird, dann werden auch alternative Finanzierungsquellen attraktiver – Risikokapital, Unternehmensanleihen oder Börsengänge. Dann wächst die Chance, dass auch bei uns die Equity-Beteiligung zum Standard in der Unternehmensfinanzierung wird

Und das wäre von Vorteil für die gesamte Volkswirtschaft. Die von Andreas Lampl gestellte Frage „Wer braucht schon die Banken?“ lässt sich auch anders beantworten. (derStandard.at, 20.7.2013)

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