Jenseits des Anstandsgürtels

Kommentar der anderen19. Juli 2013, 18:38
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Herr Freud, bitte herunterschauen: Wie das Ich zu einem Es und das Es zum Poster wird - (Selbst-)Erfahrungsbericht aus der weiten Welt der anonymen Meinungsäußerung im Internet

Freud hat nicht umsonst in Wien gelebt. Und vor allem nicht umsonst in Wien gearbeitet. Unendlich schade, dass er lange vor der Zeit des offenherzig zur Schau getragenen Unbewussten von uns gegangen ist. Das Surfen im Internet hätte seine Arbeit sehr erleichtert. All die verdrängte Aggression, Neid, Misogynie, Furcht vor dem Fremden an und in sich, vor Veränderung, vor Homosexualität, kurzum: der gesamte schöne Neurosenstrauß.

Was man in langwierigen, kostspieligen, teils fragwürdigen Sitzungen in Kleinarbeit erst an die Oberfläche kitzeln und sezieren musste, liegt heute für bevorzugt in derStandard.at-Foren mit den Schwerpunkten Antisemitismus, Fremdenrecht, Sexualdelikte, Frauenthemen herum.

Doch Vorsicht: Wer hier eintritt, der lasse alle Hoffnung fahren. Das Forum wird einen durchdringen, erzürnen, wird einen auf eigene Abgründe treffen lassen und dort, wo man dann auf die Macher von: "Warum also nicht Muttertag zu einem politischen Aktionstag machen? Statt Blumen, Sekt und Torte der Mama ein Arschfick schenken?"  stößt, werden die anfänglichen Vorsätze, freundlich, aber bestimmt zu bleiben, nicht lange bleiben.

Schön, dass im Netz neue Kommunikationsformen sprießen. Nicht schön, wenn diese sich als geballte Faust, als entblößtes Hinterteil gegen jede sinnvolle Diskussion durchsetzen. Der Tipp, sich nie mit Idioten anzulegen, da diese einen auf das eigene Niveau ziehen und dort durch Erfahrung schlagen werden, bewahrheitet sich schneller, als man sich träumen lässt.

"Weil die Wut einen umtreibt." 

Zuerst kam die Suche nach geeignetem Material (ergo besonders ekelhaften Beiträgen) für das Stück Fluchtarien. Und ich wurde fündig. Fündig in einem derartigen Ausmaß, dass Schweigen unmöglich wurde. Ich bin Schriftstellerin. Für mich hat das geschriebene Wort eine große Bedeutung und ebenso große Tragweite. Es ist nicht egal, was da unwidersprochen und unentfernt stehen bleibt. Die Verstrickung begann schleichend, wie sich eine chronische Krankheit ankündigt: unauffällig, aber ebenso unaufhaltsam.

Ein Huster da, ein Beitrag dort, und irgendwann kommt man zu sich, glühend, mit schmerzendem Kopf, um drei Uhr nachts schlaflos, weil die Wut einen im Kreis umtreibt, und man hat rückblickend an die 5000 Beiträge in die Welt der "Muslima mit Kopftuch in Wien lösen Verunsicherung und Unbehagen in mir aus"  und "Ich nehme auch an, dass dieser Verurteilte das eigentliche Opfer ist"  (der Salzburger Fußfesselfall nach Vergewaltigung einer 15-jährigen) hinausgelassen. Natürlich ohne jene zu bekehren. Dafür aber mit einer Wortwahl, die einen sechs Monate zuvor noch heftig erröten hätte lassen.

Die Lektion ist hart und nicht herzlich: Leider ist nicht nur Humor (in zahlreichen Beiträgen hochprozentig enthalten und eine Freude) ansteckend. Boshaftigkeit ist ansteckend. Hass ist ansteckend. Diesen darf man keinen öffentlichen Raum bieten. Man vergesse nie, wie viel Unterstützung Breivik im Internet erhielt. Labile Persönlichkeiten laufen Gefahr, durch Bekräftigung oder auch nur Duldung der menschenverachtenden Beiträge darin bestärkt zu werden. Hetze, Wiederbetätigung oder Rassismus sind keine Meinung. Man hat kein Recht auf Hetze.

Und genau hier beginnt die Verantwortung der Forumsbetreiber, der Moderatoren oder besser: der Ab-und-zu-Moderatoren, in deren Wirkungsbereich diese Dinge erscheinen und teilweise sehr lange stehenbleiben. Im Übrigen ist auch nicht der Schweinereien aller Art meldende User für die Sauberkeit im Forum verantwortlich, sondern der Betreuer dieses Forums. Dieses Erscheinenlassen, dieses Stehenlassen ist ein unfreiwilliges, aber dennoch ein stummes Eingeständnis, eine Kapitulation vor der Dirty-Campaigning-Methode, denn oftmals sind das nicht irgendwelche Poster, die da im Forum berserkern, sondern geplant und bewusst eingesetzte, ob im Wahlkampf, von Vertretern der Pro-Life-Bewegung oder der AUF oder von Väterrechtsvereinen.

Von einem Qualitätsmedium erwarte ich mir ein kritischeres Vorgehen, ein Mindestmaß an Absicherung, wie zum Beispiel die Nennung des Echtnamens oder eine aktive Forenmoderation, wie das bei anderen Qualitätsblättern durchaus üblich ist. Das lässt natürlich den Traffic sinken. Qualität kostet eben. Den Einwand, in der Krone.at ginge es weit schlimmer zu, lasse ich nicht gelten: ich lese den Standard, weil ich nicht die Krone lesen will. Ich arbeite für den Standard und schätze diesen, weil er ein ernst zu nehmendes, kritisches Medium darstellt.

Ich sehe nicht ein, wieso diese Qualität mit Füßen getreten werden darf, nur weil man nicht bereit ist, solche User, die mit Diskussionsverhinderung und lustvoller Abwertung anderer vorgehen, dauerhaft zu sperren. Und nicht unter dem deckungsgleichen Namen nach der Sperrung neu anmelden zu lassen, damit das lustige Karussell sich weiterdreht. Wer seine Meinung im Netz unbedingt kundtun möchte, kann es genauso gut unter seinem eigenen Namen machen, wie alle Reporter, Autoren, Redakteure dies tun. Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, sagt Ingeborg Bachmann. Auch eine offengelegte Identität und das Stehen zu seiner Wahrheit sind zumutbar.

Was ist an der eigenen Meinung so gefährlich, dass man sie nicht öffentlich und mit eigenem Namen versehen kundtun möchte? Schämt man sich ihrer? Oder fürchtet man Konsequenzen (durchaus erwartbar bei Beiträgen wie diesem zum Thema Wiederbetätigung: "Solange ihr eine bestimmte ,historische Wahrheit' per Gesetz erzwingt wird die Zahl der Zweifler wachsen" )? Whistleblower – die Einzigen mit dem absoluten Recht auf Anonymität – sind im Forum des ­Standard eher selten anzutreffen.

Dort, wo man sich versteckt, wird man untergriffig, ohne jede Konsequenz fürchten zu müssen. Ich will nicht regelmäßig in jedem Fall von Missbrauch den immergleichen Poster mit den immergleichen Verharmlosungen der Kinderpornografie vorfinden, der anonym dafür sorgt, dass Missbrauchte, die sich für ähnliche Fälle interessieren, durch seine Texterei und Opfer-Täter-Umkehr retraumatisiert werden. Wer nicht für das Forum garantieren kann, sollte es sperren. Sogar noch im manuell moderierten Forum fand sich übrigens als Replik auf "Ich reagiere (...) auf meine persönlichen Erfahrungen"  Folgendes: "...ich wusste nicht, dass sie über persönliche erfahrung als vergewaltiger verfügen gilt alkoholismus eigentlich als strafmildernd?"

Auch 15 Minuten Online-Ruhm ist für einen solch zynischen Dreck noch zu viel an Öffentlichkeit. Unter Artikeln mit dem Thema Gewalt an Frauen findet man solche, die in "angemessene Gewalt"  und "unangemessene Gewalt"  unterteilen. Dieser Begriff vermittelt unverblümt, dass Gewalt eine Option ist. Quasi eine öffentliche Empfehlung dazu steht seit Monaten immer noch im Forum zum Fall des entzogenen Oliver Weilharter, der bis heute keinen Kontakt zur Mutter haben darf. Der Poster bekrittelt die (nicht rechtskräftige) Verurteilung des Vaters, der das seit Geburt bei der Mutter lebende Kind gegen jedes Gesetz "befreien"  musste, mit der nötigen "angemessenen Gewalt" .

Hier geschieht also öffentliche Verleumdung aus in Dirty ­Campaigns geschulten Kreisen. Und die wird geduldet. Nicht in der Krone.at. Im Qualitätsmedium. Was Freud wohl dazu zu sagen gehabt hätte? (Julya Rabinowich, DER STANDARD, 20.7.2013)

Julya Rabinowich lebt als Schriftstellerin in Wien. Sie postete unter dem Nickname "Jura Säufer" auf derStandard.at und wurde dort gesperrt: "Ich erlebte die Abwärtsspirale verbaler Entgleisungen aktiv und passiv mit und bin daher für eine Echtnamenpflicht für alle. Die zitierten Postings wurden bis auf das Letztgenannte entfernt, wobei bei anderen bis zu drei Anläufe von Usern nötig waren."

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Replik: Feed the Troll!

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