Michael Kerbler: "Qualität der Demokratie hat mit Qualität der Medien zu tun"

    21. Juli 2013, 13:19
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    Ö1-Journalist erhielt Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik - Auszüge aus der Laudatio von Lojze Wieser

    Wien – Der Ö1-Journalist Michael Kerbler hat am Freitag das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik erhalten. Als Begründung nannte Staatssekretär Josef Ostermayer die mehr als 300 von Kerbler gestalteten Sendungen im Rahmen der Reihe "Zeitgenossen im Gespräch". Diese Gespräche mit Intellektuellen wie Stephane Hessel, Schriftstellern wie Maja Haderlap und Peter Handke oder dem Architekten Wolf Prix sowie dem inzwischen verstorbenen tschechischen Präsidenten Vaclav Havel stünden für Qualitätsjournalismus und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schlechthin. Sie seien ein Beitrag für den gesellschaftlichen Diskurs in Österreich.

    Kerbler, der seit 1976 beim ORF arbeitet und die Leitung dieser Sendereihe 2003 übernommen hat, ging in seiner Dankesrede auf den ORF ein: "Qualität der Demokratie hat mit Qualität der Medien zu tun." Öffentlich-rechtliche Sender seien nicht dazu da, Defizite von kommerziellen Sendern zu kompensieren. Es gelte darum, Leistungen der Mitarbeiter zu honorieren.

    Kerbler (59) hatte vor kurzem bekannt gegeben, den ORF zu verlassen und eine Art Think-Tank aufzubauen. (afs, derStandard.at, 19.7.2013)

    "Worauf kommt es denn im Leben wirklich an?" - Auszüge aus der Laudatio von Lojze Wieser

    Der Laudator lobt Kerblers Fähigkeit, sich für "Zeitgenossen im Gespräch" in gut 300 Lebenskonzepte "einzulesen" und "einzuleben":

    [...] Und wie Du Dich einleben kannst! Ich denke da an Dein Gespräch mit Ana Zablatnig, mit der Du mit ihr Sationen ihres Lebens durchgegangen bist und mit ihr darüber sprachst, wie es war, als die Nationalsozialisten den Menschen Würde und Achtung nahmen; wie es war, als sie ihnen die Sprache verboten und sie von ihren Höfen vertrieben haben; wie es war, als der Bischof Köster zum Jahrestag der Deportation eine Gedenkveranstaltung im Dom abgesagt hatte, obwohl gerade diese Menschen dem Leben wieder Würde gaben; oder wie es war, als die Polizei 1947 einen Schweigemarsch mit Wasserwerfern auflöste und englische Besatzer nur dagestanden sind und gelacht haben; oder, wie sie beobachten mußte, dass im Dorf auf einmal alle nur mehr Deutsch redeten. Und dann sagte sie den bemerkenswerten Satz: "Man akzeptiert jeden, aber du sollst das bleiben, was du bist, eigentlich. Ist ja keine Schande." Mir kommt dabei William Faulkner in den Sinn: "Die Vergangenheit ist niemals tot, sie ist nicht einmal vergangen." [...]

    Wieser über die Begegnung Kerblers mit Bernstein:

    [...] "Was macht uns zum Menschen?", hatte eines Abends Leonard Bernstein Michael Kerbler in Wien gefragt, nachdem er tags zuvor an der Staatsoper für Amnesty International den Fidelio dirigiert hatte. Bernsteins Auftritt fand auf Wunsch von Bruno Kreisky statt, der ja in seinen jungen Jahren selbst ein politischer Flüchtling war.

    "Was macht uns zum Menschen", hat Bernstein damals den jungen Kerbler gefragt. Da war dieser erst Anfang zwanzig – und noch ganz unsicher. "Die Musik macht uns zum Menschen, die Kunst macht uns zum Menschen, und das Mitgefühl macht uns zum Menschen", hat Leonard Bernstein gesagt. Und er hat ihm von Pablo Casals und der Schönheit der Musik erzählt, aber auch vom "politischen" Casals und er hat von der Menschenrechtslage in Chile gesprochen. Bernsteins Frau war eine geborene Chilenin. Und er sprach von Claudio Arrau, dem chilenischen Pianisten und seinen Beethoven-Interpretationen, und dass sie, Bernstein und Arrau, in München mit dem Rundfunkorchester des bayrischen Rundfunks Beethoven spielen werden.
    Heute weiß ich, resümiert Michael Kerbler, dass Kunst – ob Musik, das gesprochene oder das geschriebene Wort oder die darstellende Kunst – etwas verändern kann. Zum Positiven. Wir müssen zuhören können. Wir müssen inne halten. Wir sollten, wie ein Cello, zum Resonanzkörper werden. Und, uns treu bleiben. Casals hat damals geschworen, erst wieder nach Spanien zurückzukehren, wenn die Diktatur gestürzt ist, und er hat sich geschworen, nicht mehr öffentlich aufzutreten, bis die westlichen Demokratien ihre Haltung zu Franco ändern. Auch Bernstein hat sich gegen Pinochet engagiert und ist weltweit für die Menschenrechte eingetreten. Zahlreiche Orchester haben Bernstein und Casals unterstützt.

    Und Kerbler schließt seine Erzählung: "Was mir Bernstein mitgegeben hat, ist die Erkenntnis – das die Gleichgültigkeit mindestens so grausam ist, wie Folter –. Die Gleichgültigkeit, die wir gegenüber Mitmenschen in Notlagen und. bei Missständen an den Tag legen, halte ich für Unmenschlichkeit!" [...]

    Wieser zitiert Kerblers Wortmeldung auf einer Pressekonferenz in Wien zur Lage von Asylwerbern:

    [...] "Eine besonders perfide Form der Unmenschlichkeit ist die Gleichgültigkeit. Wegzuschauen ist so einfach. Die Flüchtlingstragödien, die sich tagtäglich in Europa ereignen, zu ignorieren, degradieren Menschen zu Dingen. Unsere Gleichgültigkeit entzieht anderen Menschen das, was uns eigentlich ausmachen sollte: Humanität. Aber mit dieser Haltung schaden wir uns selbst, denn wir berauben uns letztlich der Fähigkeit Mitgefühl zu haben. (...) Es ist immer der Aggressor, der von unserer Gleichgültigkeit profitiert, und niemals das Opfer, deren Leid wir vergrößern, wenn wir sie ignorieren. Deshalb braucht es eine solidarische Flüchtlingspolitik der Europäischen Union." [...]

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