Lyrische Zerreißproben

19. Juli 2013, 18:50
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Eine klassische Frage der Literaturkritik: "Was will uns der Dichter / die Dichterin damit sagen?" Die Schriftstellerin Ruth Klüger leistet in ihrem neuen Buch Hilfestellung für eine Interpretation ihres Werks: Sie hat einige ihrer Gedichte selbst kommentiert

Mit Gedichten ist es ein wenig wie mit dem weiblichen Geschlecht, von dem man früher gerne sagte, Frauen sollten einfach, in ihrer ganzen Schönheit "da sein"; nicht ihr Handeln und ihr Denken mache ihre Anziehung und ihren Wert aus, sondern ihre Existenz als solche genüge. Ihre Meinungen sollten sie für sich behalten und die Männer nicht mit ihrem Geschwätz verunsichern.

Ähnlich solle ein Dichter keineswegs erklären, was er mit seinen Versen sagen wolle. Ein vielzitiertes Wort von einem amerikanischen Dichter lautet dementsprechend: "A poem should not mean, but be."

Und doch kann keine Ermahnung, sich einem Gedicht einfach hinzugeben und nur den gelungenen Wortlaut zu genießen, uns hinweghelfen über die so verpönte Frage nach dem Inhalt und der Bedeutung der Worte, die eben keine reine Musik sind. Es ist unvermeidlich, dass wir interpretative Fragen stellen, statt einfach "wie schön!" auszurufen.

Kein "Ding an sich"

Denn ein Problem mit dem Lesen von Gedichten ist ja, dass man oft nicht weiß, was man mit dem einzelnen Gedicht anfangen soll. Mit einer Serie von Gedichten wird es gleich leichter, weil man sie dann in einen Zusammenhang stellen kann; ähnlich verhält es sich mit älteren Gedichten, wo man den biografischen oder historischen Hintergrund nachschlagen kann, was darauf hinweist, dass das Gedicht eben kein "Ding an sich" im luftleeren Raum ist, sondern ein Teil seiner Umgebung. Welcher Umgebung? Wir stochern am Text herum, versuchen, uns etwas einfallen zu lassen, manchmal kommt was Gutes, dann wieder nicht.

Die Dichterin ist meist froh, überhaupt gelesen zu werden, und erwartet nicht, dass sie obendrein noch verstanden wird. Der gemeine Leser fühlt sich vernachlässigt, wenn nicht geradezu verachtet. Die gelehrten wie auch die intuitiven Interpreten sind unzuverlässig. Die verschämte Bescheidenheit aber, die vom Dichter verlangt wird, hindert ihn daran, den falschen Auslegungen zu widersprechen.

Darum schütteln so viele Leute ihren Kopf bei moderner Lyrik und lesen sie kaum oder nie. Ansonsten geübte Leser von Prosawerken geben manchmal unverblümt zu, dass sie Lyrik "nicht verstehen". Und doch hat jeder eine Meinung zu gewissen Gedichten, jeder kann irgendwelche Gedichte auswendig und seien es nur Liedertexte und Kinderreime. Mehr als das: Zu gewissen Gedichten hat jeder eine intensive Beziehung und kann uns auch unschwer sagen, was sein oder ihr Lieblingsgedicht ist. Gedichte sind haltbarer als Prosa, aber da man sich mit ihnen einzeln anfreunden muss, wie mit Menschen, braucht man auch weniger von ihnen als von Prosatexten. Prosa verschleißt sich, will sagen, wird vergessen, Lyrik ist unverrückbar. An den Verkaufszahlen lässt sich Wert und Eindringlichkeit der Texte nicht ablesen. Man liest Kriminalromane, wirft sie weg und hat ein paar Wochen später vergessen, wer wen darin ermordet hat. Ein paar Rilke- oder Brecht-Gedichte hingegen bleiben uns wortgenau als verlässlicher Seelenbeistand und geistiges Hausgut.

Ich habe jahrzehntelang als Hochschullehrerin in Vorlesungen und Seminaren über Gedichte anderer gesprochen und gelegentlich selbst welche geschrieben. Als Interpretin tat ich mein Bestes, dem Dichter gerecht zu werden, doch als Verfasserin verstummt man und hofft nur, die Leser würden etwas von dem darin finden, was man meint, hineingesteckt zu haben. Man hofft, aber man darf keine Nachhilfestunden geben. Schließlich fragte ich mich, aus welchem, eigentlich nicht recht einzusehenden Grund wir davor zurückscheuen, die eigenen Verse selbst zu deuten, obwohl die Verfasser ja die Einzigen sind, von denen die Leser mit Sicherheit annehmen dürfen, dass sie sich etwas gedacht oder zumindest geahnt haben.

Dieses Tabu möchte ich nun brechen und mit der Auslegung meiner Gedichte ein Exempel statuieren. (Frauen, um auf die anfängliche Analogie zurückzukommen, sitzen ja auch heutzutage nicht mehr schweigend daneben, wenn man über sie verhandelt.) Ich möchte Gedichte vorstellen, die etwas mit meinem Leben zu tun hatten, und sagen, was es war. Oft war es etwas, das ich verdrängen wollte und das sich nicht verdrängen ließ. Manchmal verstand ich es erst später, als das Gedicht fertig dastand, manches blieb undeutlich. Das brachte mich darauf zu erkennen, dass Gedichte, wie Träume, eine Möglichkeit sind, die sich das Freud'sche Es vorbehält, um sich Luft zu verschaffen. Die Kommentare handeln von dem, was ich weiß, und dem, was ich glaube zu wissen.

  • "Mit Gedichten ist es ein wenig so wie mit dem weiblichen Geschlecht": Ruth Klüger.
    foto: standard / heribert corn

    "Mit Gedichten ist es ein wenig so wie mit dem weiblichen Geschlecht": Ruth Klüger.

  • "Sie hat das absolute Gehör für falsche, verräterische Töne", schrieb der Journalist Ulrich Weinzierl in einer Laudatio anlässlich ihres 80. Geburtstags in der "Welt": Die 1931 in Wien geborene Ruth Klüger wurde als Tochter eines jüdischen Arztes 1942 gemeinsam mit ihrer Mutter in die Nazi-KZs deportiert (Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau, Christianstadt). Kurz vor Kriegsende gelang ihr im Jahr 1945 noch die Flucht; ihr Vater und ihr Halbbruder starben in der nationalsozialistischen Mordmaschinerie. Ihre Kindheitserlebnisse beschrieb sie in ihrem 1992 erschienenen, vielbeachteten autobiografischen Buch "weiter leben". 1947 emigrierte Klüger in die Vereinigten Staaten und lehrte Germanistik an der University of Virginia, in Princeton sowie an der University of California in Irvine. Gedichte waren es, sagt Klüger, die ihr geholfen haben, den Holocaust zu überleben: Ihr Gedichtband "Zerreißproben" (Zsolnay-Verlag), dem diese Texte entnommen sind, enthält auch zwei Gedichte, die Klüger 1944 im Alter von zwölf und dreizehn Jahren im KZ verfasst hat.
    foto: apa/schneider

    "Sie hat das absolute Gehör für falsche, verräterische Töne", schrieb der Journalist Ulrich Weinzierl in einer Laudatio anlässlich ihres 80. Geburtstags in der "Welt": Die 1931 in Wien geborene Ruth Klüger wurde als Tochter eines jüdischen Arztes 1942 gemeinsam mit ihrer Mutter in die Nazi-KZs deportiert (Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau, Christianstadt). Kurz vor Kriegsende gelang ihr im Jahr 1945 noch die Flucht; ihr Vater und ihr Halbbruder starben in der nationalsozialistischen Mordmaschinerie. Ihre Kindheitserlebnisse beschrieb sie in ihrem 1992 erschienenen, vielbeachteten autobiografischen Buch "weiter leben". 1947 emigrierte Klüger in die Vereinigten Staaten und lehrte Germanistik an der University of Virginia, in Princeton sowie an der University of California in Irvine. Gedichte waren es, sagt Klüger, die ihr geholfen haben, den Holocaust zu überleben: Ihr Gedichtband "Zerreißproben" (Zsolnay-Verlag), dem diese Texte entnommen sind, enthält auch zwei Gedichte, die Klüger 1944 im Alter von zwölf und dreizehn Jahren im KZ verfasst hat.

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