Heinisch-Hosek ortet Schieflage bei Arbeitszeit

19. Juli 2013, 15:46
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Zwei Drittel der Wiedereinsteigerinnen verlieren Wochenstunden, während Männer sehr viele Überstunden leisten müssen - Frauenministerin fordert "Überstunden-Euro"

Österreich ist europaweiter Spitzenreiter bei der weiblichen Teilzeitquote. Nach Berechnungen der Statistik Austria liegt sie bei 45,6 Prozent. Und steigen Frauen nach einer beruflichen Auszeit wegen Pflege- oder Betreuungsverpflichtungen wieder in ihren Job ein, verschärft sich der Teilzeit-Trend. 55 Prozent der Frauen (und 42 Prozent der Männer) haben bei einem Wiedereinstieg Schwierigkeiten, vor allem wenn es um die Arbeitszeit geht. Das beklagte Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) am Freitag bei der Präsentation des sechsten Frauenbarometers.

Das Problem beim Wiedereinstieg sei der Verlust an bezahlten Arbeitsstunden. Im Durchschnitt kehren Frauen mit 24,6 Wochenstunden zurück ins Berufsleben, wobei 66 Prozent angaben, mit weniger Stunden als zuvor wieder eingestiegen zu sein. Zum Vergleich: Nur 22 Prozent der Männer gaben an, nach der Rückkehr an ihre Arbeitsstelle weniger Stunden zu arbeiten als zuvor - ihre durchschnittliche Wochenarbeitszeit nach Beendigung der Karenz beträgt 30,3 Stunden. Nach dem Wiedereinstieg ergibt das einen Geschlechter-Gap von sechs Stunden pro Woche.

Arbeitszeit neu verteilen

Aus diesem Arbeitszeit- und Geschlechter-Ungleichgewicht ergeben sich nachgelagerte und bereits bekannte Probleme: Ein Viertel aller Befragten gab an, jede Woche Überstunden zu leisten. Das trifft vor allem auf ArbeitnehmerInnen in Vollzeit-Dienstverhältnissen zu. 28 Prozent der weiblichen und 34 Prozent der männlichen Vollzeitbeschäftigten arbeiten Woche für Woche mehr Stunden als vertraglich vereinbart. Für die Frauenministerin Grund genug, die Arbeitszeit zu überdenken und neu zu verteilen.

Der gewerkschaftliche Vorschlag des "Überstunden-Euro" hat auch für Heinisch-Hosek Anreize: ArbeitgeberInnen sollen pro geleistete Überstunde ihrer Angestellten Geld in dafür vorgesehene Fonds abführen, um einerseits gesundheitliche Folgeschäden von zu viel Arbeit (Stichwort: Burn-out und/oder Depression) betrieblich zu finanzieren, andererseits sollen Überstunden für ArbeitgeberInnen teurer und damit unattraktiver gemacht werden.

100 Millionen Überstunden abbauen

Von den derzeit 300 Millionen geleisteten Überstunden pro Jahr sollen 100 Millionen durch diese Maßnahme abgebaut werden, rechnet die Frauenministerin vor. Teilzeitbeschäftigte Frauen, die mehr arbeiten wollen, könnten durch vertragliche Stundenanpassungen an die tatsächlich geleistete Arbeitszeit profitieren.

Für Heinisch-Hosek ist das eine Möglichkeit, gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: "Es ist ein Anreiz, weniger Überstunden anzuordnen, was auch zur Folge hätte, dass Männer mehr Zeit für Hausarbeit und Familienleben haben." Sollte die SPÖ nach der Nationalratswahl im Herbst wieder an einer Regierung beteiligt sein, werde Heinisch-Hosek den Überstunden-Euro ins Regierungsabkommen heineinreklamieren, sagte sie.

Harsche Kritik von grüner Frauensprecherin

In einer ersten Reaktion auf die Ergebnisse des sechsten Frauenbarometers stimmte die ÖGB-Frauenvorsitzende Sabine Oberhauser in die Kritik der Frauenministerin ein. Auch sie sieht die ArbeitgeberInnen in der Pflicht, Überstunden nicht weiterhin anzuordnen, sondern zusätzliches Personal einzustellen und die Arbeitszeit gerecht umzuverteilen. Anders sieht das die sozialpartnerschaftliche Vertretung der ArbeitgeberInnen, die Wirtschaftskammer: Der "Strafeuro", wie sie den Überstunden-Euro in einer Aussendung bezeichnet, würde die Lohnnebenkosten erhöhen und dadurch Jobs gefährden. Auch der Abbau von Teilzeitstellen gehe "völlig an den Wünschen der ÖsterreicherInnen vorbei".

Harsche Kritik kommt von der Grünen-Frauensprecherin Judith Schwentner: Sie sieht die von Heinisch-Hosek präsentierten "Schieflagen am Arbeitsmarkt zulasten der Frauen als Versäumnisse der Gleichstellungspolitik der Frauenministerin". Eine Frauenministerin, die auch nach fünf Jahren Amtszeit keine spürbaren Verbesserungen für Frauen erreicht habe, sollte ihre eigenen Rezepte in Frage stellen, erklärte Schwentner via Aussendung. Sie fordert, Teilzeit durch gesetzliche Maßnahmen aufzuwerten und nicht per se abzulehnen. (eks, dieStandard.at, 19.7.2013)

Wissen: Das österreichische Frauenbarometer

Das österreichische Frauenbarometer ist eine vierteljährliche repräsentative Online-Umfrage (n = 1.243) zur Gleichstellung in Österreich und zu aktuellen frauenpolitischen Themen. Dabei werden sowohl Männer als auch Frauen befragt, um geschlechtsspezifische Unterschiede im Problembewusstsein und den Anliegen erfassen zu können.

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    Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) präsentierte am Freitag das sechste Frauenbarometer und beklagt die ungleich verteilte Arbeitszeit zwischen den Geschlechtern.

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