Peckerl für Pisa

Kolumne19. Juli 2013, 17:07
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Warum literarische Tattoos gefördert werden sollten

Ein Lokalaugenschein in den Wiener Freibädern zeigt heuer eines ganz deutlich: nämlich einen Paradigmenwechsel in der österreichischen Tätowierungskultur. Das jahrelang mega-angesagte Arschgeweih ziert heute allenfalls noch in unterschiedlichen Graden der Verwitterung den einen oder anderen Steiß aus der Generation 45 plus. Zweifellos wird das Jahr 2013 als das Ende der Arschgeweih-Ära in die Annalen der Tätowierungshistoriker eingehen.

Denn: Bei der Jugend sind heute definitiv textlastige Tattoos in Mode. Texte schlängeln sich um schlanke Fesseln, Texte umzingeln ausladende Oberweiten. Diese Trendwende vom bildfixierten Tattoo - man erinnere sich nur an den öden Anker auf jedem Matrosenbizeps - hin zum Texttattoo setzt ein ermutigendes Zeichen. Ja, man fühlt sich angesichts der Menge an hautnah florierenden Textbotschaften sogar zur Behauptung ermuntert, dass das kulturkritische Lamento vom allgemeinen Verfall der Schreib- und Lesefähigkeit generell neu überdacht werden muss.

Junge Menschen mögen vielleicht keine Bücher mehr lesen, aber für das, was auf dem jeweiligen Partner geschrieben steht, interessieren sie sich allemal. Und das nicht zu ihrem Schaden. Sollte einmal das Kopulieren keinen Spaß machen, weil sich der Mann oder die Frau in der Kiste als eine rechte Fadgas-Nummer erweist, so kann man sich immerhin noch durch die Lektüre seiner (oder ihrer) Aufschriften literarisch fortbilden.

Tattoo-geeignet sind natürlich vor allem die literarischen Kurzformen: Als Peckerl-Klassiker gelten der Aphorismus in der Achselhöhle, das Sonett auf den Schamlippen und das Haiku auf dem Hodensack. Gewiefte Tätowierer sollten freilich daran denken, ihrer Klientel auch das Einritzen von längeren Texten aus üppiger angelegten Literaturgattungen anzubieten. Eine stärkere Leselupe einmal vorausgesetzt: Was spräche denn dagegen, sich den Mann ohne Eigenschaften in die Brust pecken zu lassen? Tausendundeine Nacht zwischen die Schulterblätter? Den Zauberberg in den Venushügel?

Für gewitzte Profi-Stecher gäbe es hier einige Geschäftsideen auszuloten. Und auch das Unterrichtsministerium sollte sich (Schreib- und Leseerziehung! Pisa-Studie!) nicht lumpen lassen. Ein paar tausend Euro für einen Staatspreis für perfekt gepeckte Literatur sollten doch bitte drin sein, Frau Minister.     (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 20./21.7.2013)

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