Wahrheitspflicht, Authentizität und anderes menschliches Versagen

19. Juli 2013, 17:12
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Von Julya Rabinowich

Der Wahlkampf versucht wie jede Werbung ein Produkt gschmackig zu machen, das wesentlich bitterer schmecken wird, als der plakative Zuckerguss erwarten ließe. Und dann hat man Bauchweh, ja geradezu einen mächtigen Wahlkater am Morgen. Eine Wahl hat ein wenig von einem One-Night-Stand, bei dem das Objekt der Begierde im schmeichelnden Kerzenschein ins benebelte Ohr säuselnd noch so überzeugend wirkte. Bis zum Erwachen. Wenn der Kerzenschein gnädiger gewesen ist als das nachfolgende Schicksal.

Aber noch ruft das Schlachtfeld. Für Wahrheit, Gleichheit und monetäre Entschädigung. Wobei "Wahrheit" ja ein recht dehnbarer Begriff ist, von in Stein gemeißelt bis zur Tochter der Zeit ist da alles drin. Einig sind sich viele Berater, dass diese Wahrheit als bittere Medizin zu bitter wäre, um sie erfolgreich anbringen zu können. Wer ehrlich ist, würde vom Wähler, diesem einzigen Wesen, das noch rätselhafter ist als die Sphinx von Theben, abgestraft.

Das wirft die Frage auf, ob wir so dämlich sind, uns willig im Augenblick belügen zu lassen, weil's nicht so wehtut. Der restliche Verlauf gleicht aber jenem, der zu erwarten ist, wenn man schmerzende Zähne aus Angst vor dem Zahnarzt nicht behandeln lässt. Es liegt übrigens nicht nur an der Politik, Ehrlichkeit zu wagen. Es liegt auch am Wähler, diese nicht zu ächten und sich zeitgerecht zu erinnern, wer eine Legislaturperiode lang mit dem Land Schlitten gefahren ist.

Wenn der Bauer nicht frisst, was er nicht kennt, droht ihm der Hungertod, wenn die Zeiten und damit die Ressourcen sich ändern. Söldnerwahlkämpfe mit Spin-Doktoren, die dem Bestbietenden folgen und das Parteiprogramm mehr beeinflussen als der Spitzenkandidat selbst, werden nicht vor Authentizität strotzen. Andere sind wiederum authentisch und alles andere als demokratisch in ihrer Sonnenkönighaltung. Übrigens sind jene, die gegen das Berufsheer gestimmt haben, gegen dieses Söldnersystem nicht Sturm gelaufen.

Die Politphilosophie des "Money talks, bullshit walks" hat uns schon eingekaufte Abgeordnete und originelle Schreiduelle mit Armin Wolf, dessen dennoch authentisch zur Schau getragenen Gleichmut ich zutiefst bewundere, beschert. Wollen wir die Berlusconisierung, ach was, die Paris-Hiltonisierung unserer demokratischen Systeme erleben?

Eine solche Politik ist die der Oligarchie, der Postdemokratie, nie die eines Systems gleicher Rechte und Chancen. Es ist die Frage, ob man sich mit dem Verrücken der Anstandsgrenzen und dem Verschwimmen des demokratischen Grundgedankens abfinden möchte. Es liegt an uns. Werbung verführt. Aber nur, wenn man Verantwortung abgibt und sich verführen lässt. Man denke an den Morgen danach. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 20./21.7.2013)

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