Gurtenpflicht oder: Die Rettung Italiens

Kolumne19. Juli 2013, 18:13
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Das Geld fährt in dem klammen Land sozusagen auf der Straße

Fast vier Wochen ist es her, dass wir die kalabresische Gluthitze gegen das sommerliche, vergleichsweise kühle Wien tauschen mussten. Weit weg sind nun das Meer, die unübertroffen scharfe Salsiccia, der Vino frizzante (auf der Stiefelsohle nicht billige Massenware, sondern aromatischer Weißwein mit Perlen). Vor allem die coolen Jungs, die allabendlich Manta-mäßig - den Unterarm aus dem Auto hängen lassend - ihre Runden um die Piazza der straff organisierten Kleinstadt drehen, auf der die Mädels aufreizend kichernd flanieren.

Im Gegensatz zu Politik, Wirtschaft (und Verbrechen) herrscht auf der Straße Freizügigkeit pur: An Regeln hält sich niemand, und falls doch, bleibt er über, verhungert an der Kreuzung, selbstverständlich bedacht mit Hupkonzert - durchsetzt mit Freundlichkeiten, die wir an dieser Stelle aus guten Gründen nicht ausführen.

Rettung dank Verkehrsstrafen

Faszinierend ist das Ritual dennoch. Der Verkehr bleibt flüssig, stockt erst, wenn einmal drei Wagen in zweiter Spur parken. Und es kracht so gut wie nie. Das macht offenbar übermütig, denn missachtet wird nicht nur die Straßenverkehrsordnung, sondern auch die Gurtenpflicht.

Kleinkinder sitzen prinzipiell nicht im Kindersitz (weil es selten einen gibt). Ein Feldversuch ergab: Man kommt beim Zählen gar nicht mit, weil in gefühlten zehn Minuten nur fünf von hundert Erwachsenen angeschnallt hinterm Lenkrad sitzen. Die waren, erraten, nicht einheimisch: ein Ehepaar aus Innsbruck, Südtiroler und Deutsche. Ob repräsentativ oder nicht: Daumen mal Pi hochgerechnet ist sonnenklar, dass die klamme Mafiahochburg mit Verkehrsstrafen ordentlich Kohle in die Kassa bekäme. Wahrscheinlich könnte ganz Italien gerettet werden. Also, nicht anschnallen! (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, 19.7.2013)

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    Hinweis auf die Gurtenpflicht: Wird in Italien mehrheitlich ignoriert.

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