Studierende und Lehrende finden Gehirndoping bedenklich

19. Juli 2013, 16:42
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Die Mehrheit lehnt Medikamente zur Steigerung der Leistungsfähigkeit aus gesundheitlichen und moralischen Gründen ab

Nicht nur in Radsport und Leichtathletik, auch beim Denken können Medikamente leistungssteigernd wirken. Ob Studierende und Lehrende an deutschen Hochschulen davon Gebrauch machen, haben Forscher der Universitäten Bielefeld und Erfurt untersucht.

Das Ergebnis: Die Mehrheit der 4.250 Befragten lehnt Medikamente zum Aufputschen des Gehirns aus gesundheitlichen, aber vor allem moralischen Motiven ab. Die Zurückhaltung gegenüber solchen Mitteln bestätigen Zahlen, die die Forscher bereits im Frühjahr veröffentlicht haben: Einer von 20 Studierenden hat mindestens ein Mal zu verschreibungspflichtigen Mitteln gegriffen, um die kognitive Leistungsfähigkeit zu steigern.

"Wirkung überschätzt"

Gehirndoping – auf Englisch "Cognitive Enhancement" oder "Braindoping" – bezeichnet die Einnahme verschreibungspflichtiger Medikamente zur Steigerung kognitiver Leistungen wie Aufmerksamkeit oder Merkfähigkeit, ohne dass dies medizinisch notwendig ist. Dafür werden Medikamente eingenommen, die sonst Alzheimer-Patienten oder Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen verabreicht werden.

"Derzeit sind die mit solchen Mitteln erzielbaren Leistungssteigerungen jedoch eher mäßig und werden vermutlich von ihren Anwendern überschätzt", sagt Studienleiter Sebastian Sattler. Während die ethische Dimension von Gehirndoping intensiv von Wissenschaftlern diskutiert wird, sind die genauen Gründe, die hinter der Einnahme stecken, bislang wenig bekannt.

Moralische Bedenken

Etwa zwei Drittel der Befragten äußerten starke bis sehr starke moralische Bedenken bei der Einnahme leistungssteigernder Medikamente im Studium (65 Prozent) oder Beruf (69 Prozent). Einen Grund dafür sehen die Wissenschaftler in der Verletzung von Fairness-Normen.

"Wer im Wettbewerb um gute Noten oder akademische Posten leistungssteigernde Substanzen nimmt, handelt aus Sicht vieler unfair", sagt Sattler. All jene, die eine Einnahme ablehnen oder keinen Zugang zu entsprechenden Mitteln haben, könnten sich benachteiligt fühlen oder sich sogar unter Druck gesetzt fühlen, ebenso Pillen einzuwerfen, um in Konkurrenzsituationen mitzuhalten.

Ein weiterer Grund, der Studierende und Lehrende laut Studie von Gehirndoping fernhält, waren mögliche starke Nebenwirkungen. Denn die genannten Medikamente können unter anderem Depressionen, Bluthochdruck oder Kopfschmerzen verursachen.

Abwägen: Nebenwirkungen vs. Nutzen

Jedoch wägten Befragte zwischen möglichen Nebenwirkungen und erhofftem Leistungsschub ab. So mussten Pillen, die ein höheres Risiko an Nebenwirkungen besaßen, deutlich mehr Vorteile versprechen, um noch für eine Einnahme attraktiv zu bleiben.

Knapp 40 Prozent derjenigen, die solche Mittel im letzten halben Jahr einnahmen, machten dies einmal, etwa 24 Prozent zwei, zwölf Prozent drei und 24 Prozent mehr als drei Mal. "Wer einmal zu solchen Mitteln gegriffen hat, macht dies mit höherer Wahrscheinlichkeit auch erneut", sagt Sattler.

Das könne ihm zufolge einerseits damit zusammenhängen, dass die Studierenden relativ positive Erfahrungen gemacht haben und kaum Nebenwirkungen auftraten. Andererseits könnte es aber auch den Beginn einer Abhängigkeit andeuten, so Sattler. In dem Artikel belegten die Autoren außerdem, dass stärker unter Prüfungsangst leidende Studierende häufiger zu solchen Mitteln greifen. (red, derStandard.at, 19.7.2013)

Originalveröffentlichungen:

  • Sebastian Sattler, Carsten Sauer, Guido Mehlkop, Peter Graeff (2013), "The Rationale for Consuming Cognitive Enhancement Drugs in University Students and Teachers". PLOS ONE 8(7), e68821. http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0068821.
  • Sebastian Sattler, Constantin Wiegel (2013), "Test Anxiety and Cognitive Enhancement: The Influence of Students’ Worries on their Use of Performance-Enhancing Drugs". Substance Use & Misuse 48(3): 220-232.
  • Die meisten Studierenden stehen leistungssteigernden Medikamente skeptisch gegenüber.
    foto: dpa/friso gentsch

    Die meisten Studierenden stehen leistungssteigernden Medikamente skeptisch gegenüber.

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