"Was gute Frauen nicht tun sollten"

21. Juli 2013, 19:00
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Seit 25 Jahren stellt sich die Schweizer Frauenband "Les Reines Prochaines" dem Alltäglichen mit skrupellosen Humor

Bei Les Reines Prochaines wird nicht um den heißen Brei herumgeredet. "Wir machen keinen Sinn. Wir machen keinen Unsinn. Wir gehen um den Sinn herum," heißt es in "Kreisel sind lustig". Als Opener des neuen Albums "Blut" gibt es programmatisch den Ton an für die 20 (!) Stücke, die noch kommen werden. Surreale Wortspiele, haarscharfe Hörgedichte und opulent vertonte Chansons.

Multitalente mit feministischem Speed

Besonders gut kommt dieser Variantenreichtum in Hinblick auf Form und Inhalt bei ihren Auftritten zur Geltung. Die Künstlerinnen Michèle Fuchs, Fränzi Madörin, Muda Mathis und Sus Zwick singen, musizieren, tanzen, rezitieren Texte und bringen ihre Inhalte mimisch und gestikulierend zum Ausdruck – all das geschieht  mit unglaublicher Energie, Wonne und  Humor. Will mensch ihre Auftritte beschreiben, eignet sich der alte feministische Slogan "Frei und wild, aber kein Freiwild", spiegeln sie doch in ihren Performances die Absicht wider, all das zu zeigen, "was gute Frauen auf keinen Fall tun sollten".

Ja, Les Reines Prochaines sind feministisch, "Funny Feminists" nach eigenen Angaben. Ihre politische Überzeugungen spiegeln sich in ironisch hintergründigen Wortspielen über zähe Suffragetten, arme Männer, lustige Witwen, graue Eminenzen oder bunte Emanzen. Ihnen entkommt nichts, auch nicht die womöglich letzte Regelblutung ("Was für ein rot!") oder die schmerzhafte Seite der "Wicked Games" – 1994 auf brachial-gänsehaut-fabrizierende Weise vertont in der Coverversion des Chris Isaac-Hits "Wicked Games". Die Königinnen beherrschen die Kunst, ernste bis schauderliche Themen zu verpacken, zu verdrehen oder ins Extrem zu übersteigern, dass sich die Schwere in Sekundenschnelle in sprudelnde Heiterkeit auflöst und zum Schreien komisch wird.

Das neue Album "Blut, Sirup des Lebens"

Auch im neuen Album mit dem Titel "Blut – Syrup of Life", das zum 25-jährigen Bestehen der Band erschienen ist, verwandeln die vier Frauen den – nicht immer süßen - Saft des Lebens in befreiende Klänge und Gesten. Fränzi Madörin reflektiert etwa im Song "Kreisel sind rund", warum der Kreisverkehr das beste Modell für Entscheidungsfindung, "Gesundheitsprofilaxe" und Geldquelle für arme KünstlerInnen ist. Michèle Fuchs erzählt im Liebeslied "Spoil me" vom Frühstück nach der Liebesnacht, das orgastischer ist als jene selbst. Sus Zwick genießt im Stück "Verena die hat Pläne" das spärliche Resultat nach langem Scheitern und freut sich an einer gehäkelten Socke, und Muda Mathis besingt "Shilas" die eigenartig bizarre Verwandlung zur Gottheit Shiva.

Minimalismus mit großen Effekten

Sie selbst nennen ihr Vorgehen "prozesshaft und assoziativ". Indem sich Sängerinnen und Instrumentalistinnen permanent abwechseln, entsteht der Eindruck eines Werkes im Fluss. Es ist das Kollektiv, das hier regiert und "allein denken" als "kriminell" einstuft. Die Frauen wechseln nicht nur die Instrumente (Bass, Klarinette Trompete, Saxophon, Tasten, Glockenspiel), was live einer organisatorischen Meisterleistung bedarf, sondern springen auch ganz selbstverständlich von Ballade zu Lumpenlied, von Synthie-Pop zu Tango.

Die Königinnen hängen an keiner Form, bedienen sich aber allen Mitteln, denen sie habhaft werden können. Sie haben, wie viele Bands der Post-Punk-Ära, den professionellen Dilettantismus zu ihrem künstlerischen Konzept erhoben.

1987 wurde der Kosmos der Königinnen mit Teresa Alonso, Regina Florida Schmid und Muda Mathis aus der Taufe gehoben, ein Jahr später kamen Fränzi Madörin und Pipilotti Rist hinzu. Sie alle waren mehr oder weniger in der Schweizer Hausbesetzer-Szene verwurzelt, die sich in Zürich und Basel etabliert hatte. In all den Jahren stiegen viele Künstlerinnen in die Band ein und auch wieder aus. Pippilotti Rist, die 1994 die Band verließ, gilt heute als eine der international bekanntesten Video-Künstlerinnen.

Les Reines Prochaines wollen auch im fortgeschrittenen Alter antihierarchisch bleiben und als Kollektiv Musik machen. Sie wissen auch, dass sie als Frauen-Kollektiv in dieser Form inzwischen ein Unikat darstellen. Dass sie sich als Band immer noch halten können, liegt nicht nur an der harten Arbeit, die sich in ihren Performances offenbart. Es sind vor allem großes künstlerischen Können, viel Humor und Intelligenz sowie ihr reicher Erfahrungsschatz. Immerhin haben diese Königinnen die Lebensmitte bereits überschritten – und das macht sich wohltuend bemerkbar. (Dagmar Buchta, dieStandard.at, 21.7.2013)

Infos:

Gleichzeit mit der CD erschien der 77-minütige Dokumentarfilm "Les Reines Prochaines – Alleine denken ist kriminell" von Claudia Willke, in dem die Filmemacherin aus Hamburg die Band über drei Jahre begleitete. Gezeigt werden Ausschnitte aus ihrem künstlerischen Werk, Rückblicke in die Geschichte ihres 25-jährigen Bestehens und vor allem, wie LRP durch Witz, Fantasie und radikale Frechheit die Bereiche Musik, Theater, bildende Kunst und Film immer wieder neu überschreitet.

Zum Jubiläum sind sie schon das ganze Jahr auf Tour. Die nächsten Stationen werden Basel, Bern und Braunschweig sein.

Links:

www.reinesprochaines.ch

www.unrecords.me

  • Les Reines Prochaines: Wiedergängerinnen in wechselnder Besetzung seit mehr als 25 Jahren.
    foto: les reines prochaines

    Les Reines Prochaines: Wiedergängerinnen in wechselnder Besetzung seit mehr als 25 Jahren.

  • "Blut – Syrup of Life"2013, unrec 04
    foto: les reines prochaines

    "Blut – Syrup of Life"
    2013, unrec 04

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