Musik zum Comicstrip des Lebens

18. Juli 2013, 18:18
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Das Spielzeuginstrumente-Ensemble "Male Instrumenty" gastiert beim Carinthischen Sommer

Villach - Es klingt, als würde ein ganzes Kinderzimmer den tönenden Aufstand proben. Als würden jene Utensilien, die üblicherweise auf dem Boden herumkullern, kollektiv zum Leben erwachen und ein tickendes, plink-plonkendes, surrendes Miniaturkonzert geben. Wenn sich Assoziationen wie diese einstellen, dann sind wohl die Herren des in Warschau beheimateten Ensembles Male Instrumenty ("kleine Instrumente") am Werk. Dessen Begründer Pawel Romanczuk fügt seit 2006 die Klänge von Kreisel, Spieldosen, Spielzeugklavier, Kindergitarre, Fahrradklingel und rund 500 weiteren Gerätschaften zu akustischen Comic-Strips ineinander.

"Was mich interessiert, sind die Sounds, die man auf anderen Instrumenten nicht finden kann. Etwa beim Toy Piano - diesen mechanischen, vibrierenden Klang mit seiner mikrotonalen Struktur findet man sonst nirgendwo!" Außerdem faszinierten ihn die Objekte an sich, ihre Form, Konstruktion und Geschichte, so Romanczuk: "Nehmen wir die Okarinas. Ich bevorzuge die Instrumente aus der Frühzeit der Wiener Manufaktur von Heinrich Fiehn. Ich habe Instrumente an verschiedensten Orten der Welt gefunden, und jedes hat seine Geschichte. Eines von ihnen hat während des Zweiten Weltkriegs ein polnischer von einem deutschen Soldaten gekauft, später emigrierte er in die USA, wo er starb. Ich kaufte das Instrument schließlich von seinem Nachbarn."

Der 38-jährige Romanczuk hat zwar Wirtschaft studiert, zugleich kultivierte er stets ein Faible für frei improvisierte wie auch - als Fan des österreichischen Kairos-Labels, insbesondere von Olga Neuwirth - für zeitgenössische komponierte Musik. Er sieht sie auch als eine der Wurzeln für seine Arbeit: "Mauricio Kagel, Helmut Lachenmann und John Cage haben erstmals ,Nichtinstrumente' für Musik benützt; etwa Radios, Muscheln, Alarmsirenen, klingendes Spielzeug. Daneben begannen in den 1960ern Avantgardemusiker wie Pierre Bastien oder Steve Beresford, mit Spielzeuginstrumenten zu improvisieren."

Wobei sich das Arsenal der Instrumente, das heute auch Schreibmaschinen, ethnische und selbstgebaute Klangerzeuger sowie das Zweckentfremden elektronischer Geräte per Circuit-Bending umfasst, erweitert hat und Romanczuk eher von "unüblichen Sound-Objekten" als von "kleinen Instrumenten" spricht. Die größte Herausforderung? "Nichtprofessionelle Instrumente sind nicht so belastbar, gehen rasch kaputt. Dann gilt es, das nächste zu finden. Ist nicht einfach. Umso mehr, als die meisten meiner Instrumente mechanisch funktionieren, 95 Prozent der Dinge, mit denen Kinder heute spielen, aber elektronisch sind! Ein anderes Problem ist das Stimmen, da viele Produzenten der Objekte nie daran dachten, dass diese als Instrumente eingesetzt würden. Ich habe viele Tage darauf verwendet, ein paar Toy Pianos neu zu stimmen. Das Hauptproblem bei der Arbeit ist also Zeit!", so Romanczuk. Letzteres Problem wird besonders dann schlagend, wenn die fünf Herren Werke anderer Tonsetzer interpretieren: So erschien 2010 die CD Male Instrumenty graja Chopina mit Interpretation von Frederic Chopin, gespielt auf 20 verschiedenen Toy Pianos. Einige dieser Bearbeitungen werden neben Nino-Rota-Adaptionen im Rahmen des Carinthischen Sommers erklingen, wobei die Musiker auch improvisieren werden. (Andreas Felber, DER STANDARD, 19.7.2013)

19. 7., Congress Center Villach, 20.00

  • Charme der Kinderinstrumente: Ein bisschen drehen, und es wird Musik.
    foto: archiv

    Charme der Kinderinstrumente: Ein bisschen drehen, und es wird Musik.

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