Surfen: Das Meer, die Welle und der Glücksmoment

18. Juli 2013, 17:52
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Die Surfvideos lügen. Denn dem ersten Wellenritt gehen erschöpfte Arme vom Paddeln, salzige Drinks, Waschmaschinengänge und Demut vor dem Meer voraus. Wieso kleine Erfolge dennoch Spaß machen, erklärt Tom Mayr. Er betreibt ein Camp in Andalusien

Das Meer hat etwas Magisches an sich. Einmal wird das Wasser vom sanften Wind gerade so aufgekräuselt, dass sich selbst die Surf-Anfänger am Strand von El Palmar hinter die Brechungslinie der kleinen Wellen kämpfen können. Dort sitzen sie dann erschöpft auf ihren Brettern und warten auf die eine Welle, die es zu reiten lohnt, die sie sekundenlang tragen soll, die sie aber nur einen Bruchteil davon tragen wird. So haben es die Schüler in den Videos gesehen, und so haben es auch die einheimischen Surfer vorgemacht.

Nur ein paar Stunden später schaut die Sache freilich anders aus. Ein ordentlicher Swell hat sich an der Südwestküste Spaniens angekündigt, sagen die Kundigen. Was das heißt, beobachten die Surf-Anfänger dann lieber vom Strand aus: Gewaltig rollen die Wellen an der Costa de la Luz an, alle paar Sekunden brechen sie tosend in sich zusammen. Ein paar Fortgeschrittene versuchen das Unterfangen, mit kräftigen Schlägen hinauszupaddeln und mit den Brettern unter den Wellenbergen hindurchzutauchen. Entkräftet werden sie wie in einer Waschmaschine schnell wieder an den Strand gespült. Hinter die Brechungslinie schaffen es nur Locals - die aber locker. Sie warten auf die eine Welle, die sie auch sekundenlang tragen wird.

Salzige Erfolge

"Wir fahren weiter an eine windgeschützte Bucht", sagt Tom Mayr in breitem bayerischem Dialekt zu seinen Schülern. "Dort habt ihr auch viel mehr Spaß im Wasser." Vor dem Meer, das sich da im malerischen Andalusien südlich von Cádiz handzahm und dann wieder so stürmisch gibt, ist Demut angebracht. Im nur wenige Kilometer entfernten Barbate, wo sich bei klarer Sicht über die Straße von Gibraltar hinweg nach Marokko blicken lässt, sind die Wellen hingegen kleiner. Die Erfolge der Anfänger im Atlantik stellen sich schnell ein, zaubern ein erschöpftes Lächeln auf ihre salzigen Lippen.

Mayr weiß Bescheid über die Surfbedingungen rund um das Dörfchen El Palmar. 2001 hat es den 51-Jährigen erstmals hierher verschlagen, seit 2010 betreibt der Vater von zwei zwölfjährigen Zwillingssöhnen mit Lebensgefährtin Monica Samm (53) ein Surfcamp. "Dafür hab ich auch meinen gutdotierten Job als Marketingchef des Deutschen Skiverbandes aufgegeben", sagt Mayr, Unsere bayrische Verwandtschaft hat nur gesagt: "Jo, sogts amol, spinnts ihr komplett?"

Nicht nur surfen

Mayr hat 1985 am Münchner Eisbach mit dem Fluss-Surfen begonnen, die Leidenschaft fürs Wellenreiten ließ ihn nicht mehr los. "Ich war dann auf einer einjährigen Surfweltreise. Da ist der Gedanke gereift, irgendwann nur noch am Meer zu leben." Den Gästen wird nicht nur das Surfen nähergebracht. Surflehrer Jaime, der ebenfalls eine Surfschule im Dorf betreibt, erzählt vom einstigen Reichtum, den der Tunfischfang in die nahegelegene Stadt Barbate brachte. Der Fisch ist fast ausgerottet, das Stadtbild wirkt heute dementsprechend trist und verfallen. Viele arbeitslose Jugendliche, sagt Jaime, verdienen ihr Geld mit Drogenschmuggel vom nahen Afrika. Die Wellen im Wasser sind schöner als die Umgebung.

Konstante Wellen sind an der Costa de la Luz von September bis Ende Mai gegeben, dafür ist das Wasser in den Sommermonaten warm und meistens ruhig. Mayr schwört auf sein Old-School-Longboard - und auf einen gepflegten Wintersurf im gar nicht so dicken Wetsuit. "Im Jänner ist hier nichts los. Da gehst du allein in Wasser, bekommst hervorragende Wellen serviert. Und du freust dich, wenn sich ein anderer zu dir im Meer dazusetzt." (David Krutzler, DER STANDARD, 19.7.2013)

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