Sprechen, was das Zeug hält

18. Juli 2013, 17:14
posten

Philipp Gehmachers "Say Something"

Wien - "In einer fremden Stadt. Ein Hase kommt zu mir und sagt: "Hallo, was denkst du über die Wirklichkeit?" So begann die Regisseurin Claudia Bosse (theatercombinat) ihren "Sprechakt" bei Philipp Gehmachers Projekt Say Something: six speech acts im Rahmen von Impulstanz auf der Bühne des Burgtheaters.

Gehmacher hatte fünf Künstler aus Theater, Tanz und Performance eingeladen, einzeln aufzutreten und - in englischer Sprache - etwas zu sagen: neben Bosse die US-amerikanischen Choreografinnen Maria Hassabi und Liz Santoro, den französischen Radiokünstler Gérald Kurdian und den britischen Forced-Entertainment-Regisseur Tim Etchells. Ein weiterer Akt stammte von ihm selbst.

Mit beißender Ironie türmte Hassabi Worthülsen der Begeisterung auf, wie sie in den USA üblich sind: "Wow!" selbstverständlich, und: "Great. Awesome. Magnificent. Marvellous. Excellent." Oder: "Stunning! Gorgeous!" Bis es zum Bruch kam - "overly gorgeous, fucking marvellous, magnificently fucked" - und es kein Halten mehr gab, von "fuck off fucking up" bis "fucked amazingly badly". Fazit: Hinter jeder Affirmation steckt noch etwas. Und das kann "awful" sein.

Auch der berühmte Sprachvirtuose Tim Etchells brachte eine abgründige Schablone mit, die er in gnadenloser Wiederholung vom Stapel ließ: "I want to talk to you, really, I want to talk to you. I know, we're talking now, but I want to talk to you." Die Hölle einer rhetorischen Zuwendung also, die in Wirklichkeit genau das Gegenteil einer empathischen Geste darstellt.

Erst in ihrer Darstellung durch einen Sprechenden stellt die Sprache alles an Üblem dar, das in ihr als "Trojaner" versteckt werden kann. "But I know", sagte Liz Santoro, "that the things that I hide are the things that you see." Und Gehmacher: "Beyond my words there is an agency of uttering that is trying to do something." Jedes Wort, jeder Satz ist eine Handlung oder schleust eine solche ein. Somit besteht die Sprache nicht nur aus Worten, sondern auch aus ihrer Darstellung.

Diese Wirklichkeit haben die "six speech acts" im mitternächtlichen Burgtheater auf unheimliche Art sichtbar gemacht. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 19.7.2013)

Share if you care.