Die Fed dopt die Aktienmärkte

Blog18. Juli 2013, 17:12
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Dass die Börsenkurse nur hoch bleiben, wenn die US-Notenbank die Zinsen niedrig hält, ist ein schlechtes Zeichen

Es gibt zwei Gründe, in Aktien zu investieren: Entweder man glaubt daran, dass die Unternehmensgewinne in den kommenden Jahren steigen werden, was sich (über die Aussicht auf bessere  Dividenden) in höheren Kursen niederschlägt; oder man weiß nicht, wo man sein Geld sonst anlegen soll.

Das erste Szenario ist meist mit einer starken Konjunktur und kräftigem Wachstum verbunden. Das zweite tritt meist dann auf, wenn die Zinsen besonders niedrig sind, daher Anleihen und andere festverzinsliche Anlageformen zu wenig bringen.

Zinsgetriebene Hausse

Der Aktienboom der vergangenen Monate vor allem in den USA und Japan ist eindeutig zinsgetrieben. US-Aktien gelten im historischen Vergleich als relativ teuer, und die Chancen auf steigende Gewinne sind in vielen Branchen eher schwach. Aber solange die Fed die Leitzinsen praktisch bei null lässt und mit dem ständigen Aufkauf von Schuldverschreibungen auch die längerfristigen Zinsen drückt, bieten Aktienmärkte fast die einzige Chance, positive Renditen zu erzielen. Das allein rechtfertigt die Rekordstände beim Dow Jones und andere Indizes.

Was Fed-Chef Ben Bernanke betreibt, ist Doping für die Börsen. Und wie so oft beim Doping fallen die Leistungen ab, sobald das Hilfsmittel abgesetzt wird. Für die Finanzmärkte hat im vergangenen Monat sogar die Ankündigung gereicht, der Anleihenkauf könnte sich verlangsamen, wenn er einmal seinen Zweck erfüllt hat und die Konjunktur von selbst läuft, um alle Anleger auf Cold Turkey zu setzen und massive Kursrückgänge auf Aktien- und Anleihenmärkten auszulösen.

Das war ein schlechtes Zeichen. Eine Hausse, die nur von einer extrem lockeren Geldpolitik gespeist wird, ist weder gesund noch nachhaltig. Sie erfüllt die meisten Charakteristiken einer Blase: Anleger kaufen, weil sie glauben, dass auch andere kaufen werden. Und das wird so lange weitergehen, solange die Fed (und die Bank of Japan) ihr Dopingprogramm aufrechterhält. Das kann nicht ewig sein. Der Crash ist daher vorprogrammiert.

Erpressbarer Bernanke

Daher ist es ein Fehler, dass Bernanke seither den Märkten entgegenkommt und seine Ankündigung vom Vormonat immer weiter relativiert. Die Börsenkurse sind daraufhin wieder gestiegen, aber der Tag der bitteren Wahrheit wird damit nur in die Zukunft verschoben.

Und Bernanke hat damit signalisiert, dass die mächtigste Notenbank der Welt erpressbar ist. Weil Sportler und Publikum es fordern, wird halt weiter gedopt.

Übrigens: Ich bin überzeugt, dass der unglaubliche Tour-de-France-Favorit Christopher Froome die Dopingregeln nicht bricht. Angesichts des Schicksals von Lance Armstrong und anderen wäre es Wahnsinn, das Risiko des Entdecktwerdens, das früher oder später kommt, einzugehen. Und Froome und seine Leute sind kühle Rechner, keine Hasardeure. Er hat offenbar Trainungsmethoden entwickelt, die den gleichen Effekt wie Blut- oder Epo-Doping haben. Schön wäre es, wenn dies auch in der Wirtschaft gelänge. (Eric Frey, derStandard.at, 18.7.2013)

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