Überhang an Glück

Ansichtssache18. Juli 2013, 17:00
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Das Freiklettern ist professioneller und zugleich unbändiger geworden. Thomas Rottenberg hat anhand von drei Sportlerporträts versucht, die Faszination des nackten Fels festzuhalten.

Seit rund zehn Jahren wird zunehmend urbaner und wilder sowie verschulter und freier geklettert. Diese vermeintlichen Widersprüche erklären sich dadurch, dass die 85 städtischen oder stadtnahen Kletterhallen in Österreich vor allem deshalb genutzt werden, um auch die unbekannte Felswand am anderen Ende der Welt meistern zu können. Und wenn Klettern heute bereits ganz normaler Schulsport oder häufigstes Motiv der Städter für die Mitgliedschaft in einem Bergsportverein ist, dann wohl nur dann: Das Rüstzeug für die Sicherheit holt man sich, um danach ganz ohne Hilfsmittel zu reüssieren. Die meisten Kletterer heute wollen jedenfalls innerhalb kürzester Zeit auch beim Freiklettern bestehen. Doch selbst hier gilt: Modernes Klettern ohne Aufstiegshilfen, also Sportklettern oder Bouldern, kommt nicht mehr ohne Sicherungsseil oder den kontrollierten Fall aus.

foto: bernhard fiedler/privat

Andrea Maruna (35), Sportwissenschafterin und Physiotherapeutin

Zum Sportklettern bin ich erst spät gekommen. Da war ich schon 19. Klar: Ich war davor auch klettern - mein Vater ist ja Bergführer. Aber als ich studierte, haben in und um Wien die ersten Hallen aufgemacht: Je mehr ich in der Halle geklettert bin, umso besser war ich draußen im Fels. Das ist bis heute so.

Das Niveau ist massiv gestiegen, es gibt schon elfjährige Mädchen, die in der Schwierigkeitsstufe 9a (franz. Skala: 9b+ ist am schwierigsten, Anm.) klettern. Ich selbst war nie im Wettkampfsport. Wettkampfkletterinnen wie Angie Eiter oder Anna Stöhr klettern ungefähr so lange wie ich, sind aber viel jünger.

Sportklettern ist anders, Alter spielt da keine große Rolle: Ich kenne einen 60-jährigen Spanier, der klettert 8a und hat erst mit 50 begonnen. Da geht's um Bewegungsintelligenz und um Erfahrung.

Vor Unfällen ist aber niemand gefeit. Ich bin im Mai 2006 auf der Hohen Wand abgestürzt - ohne etwas falsch zu machen: Ein Knoten, der sich bei Belastung zuziehen sollte, hat sich geöffnet. Mein Unfall hat dazu geführt, dass dieser Knoten heute nicht mehr verwendet wird.

Die Rehab dauerte ein Jahr. Nach neun Monaten bin ich wieder das erste Mal geklettert. Und nach 14 Monaten schon 8b - also schwieriger als vor dem Unfall. Nein, ich habe keine Sekunde daran gedacht, nie wieder zu klettern: Wenn ich wieder laufen und sitzen kann, würde ich auch klettern können, hab ich mir gesagt.

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foto: bernhard fiedler/privat

Bernhard Fiedler (33), Physik- und Sportstudent

Ich klettere schon ewig. Aber erst als ich 13 war, ist der Funke übergesprungen. Ich ging nach der Schule in die Halle klettern - und bin jeden freien Moment am Fels gehangen. Felsklettern hat mich immer mehr gereizt.

Zur Zeit der Matura bin ich meinen ersten 8c geklettert - und hatte bald erste Sponsoren. Da bin ich auch Wettkämpfe geklettert - bis ich 23 war, glaube ich, dreimal bei Weltcups. Dann habe ich begonnen, mich auf schwere Routen zu konzentrieren - am liebsten in Verbindung mit Fernreisen und bei Erstbegehungen. Ich war unlängst in Argentinien, und wir haben ausschließlich Erstbegehungen gemacht - dort sind halt noch nicht so viele Kletterer.

Aber für eine Erstbegehung muss man gar nicht so weit fahren. Eine Stunde von Wien reicht. Im Höllental gibt es viele Felsen, auf denen noch keiner geklettert ist.

Der Reiz jeder Erstbegehung ist: Du musst alles selbst finden. Ich habe ein Problem (Fachausdruck für eine schwierige Stelle, Route oder Wand; Anm.) dann oft tagelang im Kopf. Scheitern ist immer eine Option. Du lernst beim Klettern zu unterscheiden - zwischen dem, was vielleicht doch geht, und der Grenze, über die man nicht drüberkommt. Das Spannende am Klettern ist ja, diese Grenze immer wieder auszuloten. Und wieder und wieder zu versuchen, sie zu überschreiten - aber letzten Endes trotzdem zu akzeptieren, dass es eine gibt.

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foto: bernhard fiedler/privat

Henrike Brandstötter (37), Senior Consultant, Kommunikationsbranche

Vor zwei Jahren habe ich mich das erste Mal ins Seil gebunden - und die Leidenschaft hat mich sofort gepackt! Sie ist eine Summe aus Selbstüberwindung und der Konzentration auf das Wesentliche. Selbst Urlaube verbringe ich in den Bergen. Heuer geht es über den Stüdlgrat auf den Großglockner, anschließend mache ich über den Hintergrat die Ortler-Überschreitung und die Hohen Zinnen gleich dazu. Dazwischen freue ich mich auf den Königsjodler und die Dachstein-Überschreitung. Im November ruft der 5895 Meter hohe Uhuru Peak, der Gipfel des Kilimandscharo.

Die Wochenenden verbringe ich oft in der Umgebung von Wien. Es gibt hier zwar kein hochalpines Gelände, aber unendlich viele Kletterrouten - ein Leben reicht dafür wohl nicht aus.

Sicheres Bergsteigen und Klettern verlangt Wissen. Ich habe nur einen Seilsicherungstechnikkurs besucht, aber wir bringen uns im Freundeskreis gegenseitig viel bei. Meine Erfahrung: Grundsätzlich sind Menschen, die auf Berge gehen, entspannter. Das heißt aber nicht, dass es keine respektlosen Kletterer gibt. Eine Seilschaft vor dir in der Wand, die ein laut dudelndes Kofferradio dabei hat, und unendlich langsam klettert, weil die eine Hälfte überfordert wird und die andere telefoniert oder fotografiert, ist eine Herausforderung für die Nerven. Grandios wäre es auch, wenn die Menschen ihren Müll wieder mitnehmen würden. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD ALBUM, 19.7.2013)

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